Ich bin Autistin. Das bin ich. Eine unsortierte Liste von Innenansichten.

ADHS und Autismus kommen durchaus öfter einmal gemeinsam bei Menschen vor. Beide Konstitutionen zählen zu den "neurodiversen" Veranlagungen. Und beide Konstitutionen, vor allem das innere Erleben, sind für Außenstehende schwer zu erklären.

Ich selbst habe keine ADHS-Konstitution, habe bisher aber immer gedacht, ich wäre auch neurodivergent im Sinne von "hochsensibel". Im Juli 2023 musste ich feststellen, dass meine Hochsensibilität Teil eines größeren neurodivergenten Paketes ist: Ich habe die Diagnose "Autismus-Spektrum-Störung" erhalten.

Diese Diagnose hat sehr viel in mir aufgewühlt (worauf ich an dieser Stelle nicht eingehen werde) und ich habe mich gefragt, was würde ich an mir selbst denn als "autistisch" bezeichnen? Was würde ich jemand anderem sagen, wenn er mich fragt, warum ich mich in dieser Diagnose wiederfinde? Wie kann ich einer anderen Person erklären, wie ich mich innerlich fühle und was ich an mir "autistisch" finde? Denn von außen sieht man Autismus ja nicht. Genauso wenig wie man ADHS von außen sieht. 

Im Folgenden ist eine unsortierte, unvollständige, ehrliche Liste von Innensichten. Listen kann ich gut :-)

Mein Anliegen mit diesem Beitrag ist es, Ihnen als Leser*in ein Sprachrohr zu sein, wenn Sie sich auch im Autismus-Spektrum wiederfinden und gern etwas in der Hand hätten, um anderen zu erklären, wie es Ihnen geht. Vielleicht kann dieser Beitrag dazu beitragen (Achtung: Wortspiel ;-) ).

Das hier ist nur meine eigene Innensicht. Und auch nur ein Ausschnitt davon. Wie der Name schon sagt, ist das Autismus-Spektrum ein breites Spektrum von Ausprägungen. Die Kernsymptome sind bei allen Menschen mit dieser Veranlagung die gleichen, genauso wie es bei ADHS der Fall ist, aber die Ausprägung und Zusammenstellung der einzelnen Symptome (und auch Stärken) kann sehr unterschiedlich sein.

Wenn Sie auch im Autismus-Spektrum liegen, erkennen Sie sich darin wieder? Was würden Sie aus Ihrer Sicht ergänzen? Was ist bei Ihnen anders? Schreiben Sie es gern unten in die Kommentare.

Ich bin Autistin. Das bin ich. Eine unsortierte, ehrliche, unvollständige  Liste von Innenansichten.

Ich bin gerne viel alleine. Die meisten Menschen verstehen das nicht und finden es komisch. Sie finden mich komisch, langweilig oder "schwach". 

Ich bin gerne in meiner eigenen Welt.

Der Kontakt mit der Außenwelt strengt mich an. Es ist mir im Außen zu laut, zu voll, zu viel.

Ich kommuniziere generell „blau“, das heißt sachlich. Die anderen Menschen kommunizieren meist „rot“, das heißt emotional, vor allem Frauen. Emotionen zu kommunizieren, ist nicht in mir eingebaut, das muss ich lernen und bewusst tun.

Ich finde Menschen insgesamt zu empfindlich, das ist anstrengend.

Ich strenge mich an, emotionaler, weicher, zugänglicher zu sein, damit ich Anschluss finde.

Ich werde schnell müde, wenn ich unter Menschen bin.

Ich verstehe nicht, worüber die anderen lachen, ich finde es meist nicht lustig.

Unterhaltungen mit mir sind oft so, wie wenn man einen Würfel am Rollen halten wollen würde. Es ist eckig, unrund und stockt.

Mein Gehirn ist überflutet von Details, die ich wahrnehme und analysiere. Details, die andere nicht bemerken.

Mein Modus Operandi ist ausgerichtet auf Informationen, Muster, Logik. Nicht auf Verbindungen, Netzwerke oder Gefühle.

In mir drin ist es durchaus lebhaft, aber nur wenig davon dringt nach außen.

Ich bin anderen Menschen oft zu emotionslos, zu rational, zu unsensibel, zu kühl, zu unnahbar, zu direkt, zu schroff, zu besserwisserisch.

Es ist für mich Schwerstarbeit, neue Leute kennenzulernen. Ich verstehe nicht, wie man ins Gespräch kommen kann.

Ich fühle mich anders.

Ich bin anders.

Ich fühle anders, denke anders, kommuniziere anders, verhalte mich anders.

Mein Gehirn findet in allem Muster, Fehler, sucht nach Lösungen. Analyse ist mein zweiter Vorname.

Ich kann nicht lügen. Wenn mir die Frisur oder Brille nicht gefällt, gefällt sie mir nicht. Ich werde nicht sagen „doch, ist schön“.

Small talk hasse ich. Ich kann es nicht, ich finde es überflüssig. Warum können Menschen nicht einfach direkt zur Sache kommen?

Meine Körpersprache wirkt oft angespannt, steif, eckig, distanziert.

Wenn ich spreche, kann ich meinem Gegenüber nicht in die Augen schauen. Die vielen Details im Gesicht lenken mich ab.

Ich liebe die Natur. Sie stresst mich nicht.

Wenn ich reizüberflutet bin (overload), werde ich entweder aggressiv (meltdown) oder schalte komplett ab und verstumme (shutdown).

Wenn ich emotional überfordert bin, kann ich nicht mehr sprechen. Ich habe eine Sprechblockade. Es geht dann nicht.

Ich bin ein In-Mich.

Wenn ich ein paar Stunden in der Welt unterwegs war, habe ich einen enormen Zug nach innen in mein Schneckenhaus.

Ich habe keinen guten Zugang zu Gefühlen. Ich habe Gefühle, spüre Sie aber nicht gut. Aber ich bin sehr intuitiv. Intuition ist „Inneres Wissen“, das geht ohne Gefühle.

Ich bin nicht wie ihr. Ich bin wie ich.

Ich bin ein Alleine-Mensch. Ich brauche aber trotzdem auch Verbundenheit.

Körperkontakt und Nähe kann ich am besten, wenn es von mir selbst ausgeht.

Ich bin überempfindlich auf Geräusche, Gerüche, Geschmack, Helligkeit, Berührungsempfindungen. Aus meiner Kleidung schneide ich immer alle Etiketten raus. Strumpfhosen und Mützen und enge Kleidung ertrage ich nicht. Meine Kleidung, Bettwäsche, etc. muss immer weich und glatt sein.

In Gruppen bin ich meist eine Einzelperson.

Ich weiß nicht, was ich auf die Frage antworten soll „wie geht es dir?“. Diese Frage ist viel zu komplex.

Warum brauchen Menschen solche Floskeln wie „schönen Tag noch“, wenn Sie eine Person gar nicht kennen und es ihnen deshalb vollkommen egal ist, ob diese Person noch einen schönen Tag hat?

Haben Sie den Rechtschreibfehler und den Leerzeichenfehler im Text entdeckt? Es fällt mir schwer, diese stehen zu lassen. Könnte ich korrigieren. Perfektionismus macht das Leben aber zu mühsam.

Das ist nur ein Ausschnitt. Aber bis hierher reichte es erst einmal.

Ich bin Autistin. Das bin ich.

Sind Sie auch im Autismus-Spektrum? Wie geht es Ihnen mit den obigen Gedanken? Lassen Sie es mich gern wissen in den Kommentaren.

Herzliche Grüße
Birgit Boekhoff

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