Vielleicht haben Sie Ihr Leben lang das Gefühl gehabt, irgendwie anders zu sein.
Vielleicht konnten Sie nie genau erklären, warum. Sie haben nur gespürt: Irgendetwas ist bei anderen Menschen anders als bei mir.
Vielleicht waren Sie zu sensibel.
Zu intensiv.
Zu emotional.
Zu verträumt.
Zu laut.
Zu still.
Zu chaotisch.
Zu neugierig.
Zu ehrlich.
Oder einfach:
zu viel.
Viele neurodivergente Menschen kennen dieses Gefühl.
Menschen mit ADHS.
Autisten.
Hochsensible Menschen.
Hochbegabte Menschen.
Sie wachsen oft mit dem Eindruck auf, nicht ganz in diese Welt zu passen. Sie haben das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören, ohne jedoch wirklich zu wissen, warum das so ist.
Und das liegt nicht daran, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Sondern daran, dass sie einfach nur "anders funktionieren".
Das Problem ist nicht Ihre Neurodivergenz
Neurodivergenz ist zunächst keine Krankheit. Es ist einfach eine Art zu sein. Neurodivergenz bedeutet, dass ein Gehirn anders arbeitet als das der Mehrheit der Menschen.
Doch Kinder merken sehr früh, wenn sie anders sind. Sie bemerken, dass andere Dinge leicht finden, die ihnen selbst schwerfallen. Oder dass sie Dinge wahrnehmen, die anderen gar nicht auffallen.
Sie merken, dass sie anecken. Dass sie auffallen. Dass sie nicht selbstverständlich dazugehören.
Und irgendwann entsteht eine folgenschwere Frage:
Was muss ich verändern, damit ich dazupasse?
Die meisten Menschen lernen nicht, sie selbst zu sein
So lernen die meisten neurodivergenten Menschen nicht, sie selbst zu sein. Stattdessen lernen sie, sich anzupassen.
Sie lernen, still zu halten, obwohl ihr Körper sich bewegen möchte.
Sie lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, obwohl sie eigentlich hoch emotional wären.
Sie lernen, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, weil sie sie als zu viel empfinden.
Sie lernen, ihre Besonderheiten zu verbergen.
Sie lernen, möglichst normal zu wirken.
Heute sprechen wir häufig von Masking.
Doch Masking ist oft viel mehr als nur ein Verhalten. Es ist eine Entfremdung von sich selbst.
Denn wenn Sie viele Jahre damit verbringen, jemand anderes zu sein, werden Sie das Gefühl dafür verlieren, wer Sie eigentlich sind.
Viele meiner Kunden beschreiben genau dieses Gefühl:
„Ich weiß gar nicht, wer ich eigentlich bin. Ich kenne mich nicht. Ich spüre mich nicht. Und selbst wenn - ich kann ja eh nicht so sein, wie ich eigentlich wäre, also was soll's.“
Aus stellenweiser Anpassung werden dauerhafte Verhaltensmuster und dicke Anpassungsschichten
Diese Anpassung bleibt leider selten nur eine Ausnahme. Sie wird zur Regel. Und sie bleibt nicht an der Oberfläche. Sie wird zur Identität. Es bilden sich Anpassungsschichten, die sich über unser eigentliches Wesen legen.
Eine Schicht aus Schutz.
Eine Schicht aus Rückzug.
Eine Schicht aus Verstecken.
Eine Schicht aus Masking.
Eine Schicht aus Rollen und Erwartungen.
Eine Schicht aus Funktionieren.
Von außen sieht oft alles ganz ok aus. Sie funktionieren. Einigermaßen jedenfalls.
Doch innerlich fühlt es sich häufig ganz anders an. Innen ist das Gefühl von Leere. Als würden Sie ein Leben führen, das zwar funktioniert, aber nicht wirklich Ihr eigenes ist.
Öl ins Feuer: Wenn Neurodivergenz auf frühe Verletzungen (Traumatisierung) trifft
Damit ist es aber leider noch nicht genug. Bei vielen neurodivergenten Menschen kommt dann leider noch etwas hinzu.
Es gibt nicht nur das Anderssein und die Erfahrungen damit.
Es kommen dann oft auch noch permanente Erfahrungen von Ablehnung, Kritik, emotionaler Vernachlässigung, massiver Abwertung oder fehlender emotionaler Sicherheit dazu. Man erlebt nicht nur selbst, dass man anders ist, sondern man wird auch noch abgelehnt dafür, dass man anders ist.
Oder man wächst in einem Elternhaus auf, in dem die Eltern nicht in der Lage waren, liebevoll und zugewandt auf das Kind einzugehen. Sie sind mit sich selbst beschäftigt, haben Depressionen, sind alkoholkrank, cholerisch oder emotional unerreichbar. Hier sprechen wir dann von früher Traumatisierung.
Dann entsteht eine doppelte Belastung.
Das Kind lernt nicht nur:
„Ich bin anders.“
Sondern auch:
„So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung und nicht gewollt.“
Diese Erfahrung kann tiefe Spuren hinterlassen. Sie verstärkt die Anpassung. Sie verstärkt das Masking. Sie verstärkt das Bedürfnis, sich selbst zu verstecken.
Und irgendwann ist kaum noch sichtbar, wer sich unter all diesen Schutzschichten eigentlich befindet. Wir kennen uns selbst nicht und unsere Mitmenschen kennen auch nur unsere Masken.
Die äußeren Symptome sind oft nicht das eigentliche Problem
Viele Menschen mit ADHS suchen nicht vorderrangig Hilfe für mehr Konzentration oder mehr Ordnung zuhause. Sie suchen Hilfe, weil sie Depressionen haben. Weil sie erschöpft sind. Weil sie ständig überfordert sind. Weil Beziehungen nicht funktionieren. Weil sie sich verloren fühlen. Weil sie unter Stress, Angst oder Burnout leiden.
Und das ist auch kein Wunder, denn die permanente Überkompensation Ihrer ADHS-Schwächen und noch dazu der jahrelange Kampf gegen die eigene Art und das eigene Wesen kosten wahnsinnig viel Energie und hinterlassen Spuren. Erschöpfung und Depressionen sind die natürliche Folge davon, sich ständig unverstanden zu fühlen und ständig jemand anderes sein zu wollen. Oder sein zu müssen.
Der Weg heraus beginnt nicht mit Selbstoptimierung
Viele dieser Menschen, die mit Überforderung, Stress, Angst, Erschöpfung und Depressionen zu tun haben, suchen zunächst nach Techniken. Nach Strategien. Nach Methoden.
Und natürlich können diese Dinge hilfreich sein.
Doch irgendwann, wenn man es schließlich leid ist, ständig an sich selbst herumzuschrauben, taucht eine andere Frage auf:
Warum muss ich eigentlich ständig an mit herumoptimieren?
Wer bin ich eigentlich unter all diesen Anpassungen?
Wer bin ich eigentlich, wenn ich aufhöre, immer jemand anderes sein zu wollen?
Wer bin ich, wenn ich meine Neurodivergenz nicht länger bekämpfe?
Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr über Leistung, Funktionieren und Erwartungen definiere?
Wer bin ich, wenn ich beginne, mein eigentliches Selbst kennenzulernen?
Endlich ich selbst
Nach 20 Jahren Tätigkeit als ADHS-Coach ist mir in den letzten Jahren diese Frage immer wichtiger geworden:
Wie kann ich meinen Kunden helfen, nicht nur besser mit ihrem ADHS zurecht zu kommen, sondern mehr zu sich selbst zu finden, mehr sie selbst zu werden und sich selbst zu leben?
Menschen zu helfen, "echt zu werden", das ist mein inneres Anliegen seit ich ca. 20 Jahre alt bin. In den letzten 20 Jahren habe ich dieses Anliegen umgesetzt, indem ich meinen Kunden geholfen habe, sich selbst und ihr ADHS besser zu verstehen und sich Stück für Stück ein Leben zu bauen, das für sie passt.
Doch das reicht mir nicht mehr.
Es reicht mir für mich persönlich als hochsensible und hochbegabte Autistin nicht mehr.
Und ich habe gemerkt, dass es auch vielen meiner Kunden nicht mehr reicht.
Wir (und ich schließe mich als Autistin mit ein) wollen nicht mehr nur "besser funktionieren" oder "zurecht kommen". Wir wollen endlich wir selbst sein.
Wir wollen nicht funktionieren, wir wollen leben.
Wir wollen nicht zurecht kommen, wir wollen aufblühen.
Und aus diesem Grund gibt es zukünftig zusätzlich zu Die ADHS-Trainerin meine neue Plattform endlichichselbst.com.
Bei meiner Arbeit dort geht es genau darum: Menschen zu helfen, zu dem Menschen zurückzufinden, der sie schon immer waren, aber nie sein durften. Zu ihrem echten Ich. Dem echten Ich, das unter all den Schichten aus Schutz und Anpassung verschüttet ist.
Unser echtes Ich ist nie weg. Es ist nur vergraben und verschüttet. Und es wartet darauf, endlich ausgegraben zu werden. Es wartet unter all den Schichten von Anpassung, Masking, Schutz und Funktionieren darauf, endlich gelebt zu werden.
Vielleicht ist das auch Ihr Weg? Über das Erkennen, dass Sie ADHS haben, über das lernen, was das für Sie und Ihr Leben bedeutet und wie Sie damit umgehen können hin zu der größeren Frage:
Wer bin ich noch und was kann ich von mir noch entdecken, wenn ich anfange, nach mir selbst zu suchen?
Welches Leben ist für mich noch möglich, wenn ich anfange, meine bisherigen Schutz- und Anpassungsmuster abzulegen und meine Schichten abzutragen, die mich seit Jahrzehnten niederdrücken und einengen?
🌱 Wer kann ich sein, wenn ich wirklich Ich selbst bin?
🌱 Wie kann mein Leben aussehen, wenn ich frei bin von den schweren Decken, die bisher auf meinem Leben liegen?
Wie geht es Ihnen mit diesen Fragen? Schreiben Sie mir gern einen Kommentar, ich freue mich, von Ihnen zu lesen.
Herzliche Grüße
Birgit Boekhoff
