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Wie Menschen Mit ADHS Sich Wirklich Fühlen – Und Was Keiner Weiß

Wie Menschen mit ADHS sich wirklich fühlen – und was keiner weiß

​Wenn man "anders" ist, als die Mehrheit, dann bekommt man das sehr schnell mit. Man merkt es selbst und man bekommt es ausreichend von aussen gespiegelt. Schon als Kind. Und später als Erwachsener.

Je nachdem, in welchen Aspekten man anders ist, gibt es verschiedene typische Standard-Kritiken, Vorwürfe, Empfehlungen, Tipps und Ratschläge.

Es gibt Standard-Kritiken für Zu-Sensible, für Zu-Unsensible, Zu-Langsame, für Zu-Schnelle, für Zu-Schlaue, für Zu-Begriffstutzige, für Zu-Laute, für Zu-Leise, etc.

Menschen mit ADHS hören z.B. sehr oft, sie sollten nicht so sein, wie sie sind. Konkret gesagt, sie sollten anders denken, fühlen und handeln.

Wie oft bekommen ADHS-Menschen von Kindesbeinen an zu hören, sie sollten besser aufpassen, sie sollten sich "benehmen", sich konzentrieren, sich nicht so aufregen sondern ruhig bleiben, etc.

Das alles tut ziemlich weh, wenn man sich aus seiner Sicht doch schon bemüht. Wenn man sein Bestes gibt und gar nicht weiß, wie man es noch anders machen sollte.

Welche Schäden das am Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen von ADHS-Kindern und -Erwachsenen anrichten kann, das lesen Sie hier.

​Das, was ich im Folgenden schreibe, trifft sicherlich nicht auf alle ADHS-Menschen zu. Es gibt natürlich auch andere Lebenserfahrungen. Aber meiner Erfahrung nach trifft das doch auf sehr viele zu. 

​Die häufigste und schlimmste Kritik, ​unter der viele ADHS-Menschen leiden

Als ADHS-Coach habe ich nun seit über 10 Jahren Erwachsenen ADHS-Klienten zugehört und es gibt ein Thema, das immer wieder auftaucht und unter dem sehr, sehr viele ADHS-Menschen ganz still und heimlich leiden.

Über das sie nicht sprechen, weil auch nie jemand danach fragt.

Es gibt einen Vorwurf, eine Aufforderung, die Kinder und Erwachsene mit ADHS immer und immer wieder zu hören bekommen:

STRENG DICH MEHR AN.


"Streng dich mehr an. Wenn du dich mehr anstrengen würdest, dann könntest du es."

In dieser Formulierung oder irgendeiner Abwandlung davon.

Menschen mit ADHS sollten sich mehr anstrengen. Sie bräuchten mehr Selbstdisziplin. Sie bräuchten mehr Biss.

Und wissen Sie was?

An ganz, ganz vielen Stellen ist das sowohl ein unglaublich schmerzhafter Dolchstoß mitten ins Herz als auch eine riesige Farce.

Ein Dolchstoß deshalb, weil ADHS-Menschen sich meistens sehr wohl anstrengen.
Und eine Farce deshalb, weil es eben nicht einfach auf Knopfdruck geht.

​Wie es in Wirklichkeit ist

Die Wahrheit ist:

Menschen mit ADHS strengen sich wahnsinnig an. Von morgens bis abends. Immer und immer wieder.

​Es sieht für andere von aussen nur leider nicht so aus.

​Als Kinder bei den Hausaufgaben, im Unterricht beim Zuhören, auf der Arbeit beim Erledigen von Aufgaben und Einhalten von Terminen, in der Partnerschaft bei der Organisation des Alltags, usw.

Das ist jetzt natürlich etwas generalisiert. Aber ich mache es ​bewusst so plakativ.

Und wie mag es einem Menschen gehen, wie mag sich ein Mensch fühlen, der aus seiner Sicht sein Bestes gibt, sich nach seinen Möglichkeiten anstrengt - und dann erkennt man ihm diese Anstrengung einfach ab? Man sieht sie nicht? Man fordert immer noch mehr? Es reicht noch nicht?

Die Wahrheit ist:

Menschen mit ADHS strengen sich wahnsinnig an. Von morgens bis abends. Immer und immer wieder.

​Es sieht für andere von aussen nur leider nicht so aus.

​Wie sich viele Menschen mit ADHS heimlich fühlen - ohne das jemals zu sagen

​Weil ich ​im Coaching immer wieder genau das gehört habe, dass meine Klienten verinnerlicht haben, sie sollten sich mehr anstrengen und weil sie darunter leiden, dass sie sich so sehr anstrengen und es aber immer noch nicht reicht - deshalb möchte an dieser Stelle ​diesem stillen Leiden einmal öffentlich Ausdruck verleihen und das oft Ungehörte zu Gehör bringen.

​Eine Blogleserin hat neulich unter einem anderen Beitrag genau das sehr anschaulich zum Ausdruck gebracht, was ich in meinen Coachings schon unzählige Male von meinen Klienten gehört habe.

Stellvertretend für all diese ADHS-Menschen, die sich von diesem Thema angesprochen fühlen, zitiere ich hier den Kommentar dieser Blogleserin:

"​Mein ganzes Leben hindurch muss/te ich Disziplin aufbringen.

Disziplin, nicht negativ aufzufallen, von allen gemocht zu werden.
Disziplin, ordentlich zu sitzen und zu essen.
Disziplin, nicht wütend zu werden.
Disziplin, aufzupassen, nicht zu träumen, Dinge auswendig zu lernen obwohl ich den Sinn dahinter nicht verstehe (ein nahezu unmögliches Unterfangen, sehr schmerzhaft und energieraubend – wie alles eigentlich in meinem Leben).
Disziplin andere Mitmenschen mit meiner Denkweise nicht zu überfordern.
Disziplin micht deutlich auszudrücken und dabei nicht beleidigend zu wirken (obwohl ich das nie so meine).
Disziplin alles ordentlich zu halten, mich zu verwalten, meine Familie, für jeden da zu sein.
Disziplin gedanklich nicht immer abzuschweifen und meinen wirklich ernsthaften Gedanken nachzuhängen. Zusammenhänge zu ergründen, wo andere gar nichts sehen/erfassen können.
Disziplin nichts zu vergessen oder mich nur auf ganz Banales zu konzentrieren.
Disziplin keine Fehler zu machen (dazu muss man besonders gut organisiert sein).

Disziplin, Disziplin, Disziplin, Motivation, Selbstreflexion usw. usw. usw.

Das ist soooo anstrengend. Es raubt mir die letzten Kräfte. Tätigkeiten und Eigenschaften, die Menschen ohne AD(H)S eben ohne große Anstrengungen, ohne große disziplinarische Maßnahmen bewältigen können und ich nur staunen kann, wenn diese dann noch anstrengenden Hobbys in Ihrer Freizeit nachhängen können.

Als Kind sagte man mir, ich soll nicht so viel träumen und mich nicht so viel ablenken lassen. Ich habe überhaupt nicht verstanden was da falsch war an mir.

Aus meiner Sicht war ich stets hochkonzentriert, ich habe nicht geträumt. Im Gegenteil mir kommen nur immer so viele Gedanken zusätzlich in den Sinn, die ich auf Anhieb nicht sortieren kann. Das dauert eben seine Zeit. Aus meiner Sicht war ich stets freundlich – obwohl ich in die Welt hinausschreien wollte „wie unhöflich ihr doch in EUREM Verahlten und EURER Ausdrucksweise seid“. 

Ja, ich brauche länger um etwas zu lernen. Ich bin deswegen nicht dumm, denn ich habe viele Interessen. Ich bin auf alles neugierig, möchte alles wissen und erfahren. Warum wollen denn die „Anderen“ das nicht?

Aber, wenn ich mal etwas kann – so richtig kann – dann kann ich es besser als jeder andere (der vielleicht in einer Prüfung mit einer „1“ abgeschnitten hat). Weil ich alles hinterfrage – ich gelernt habe nicht locker zu lassen – ich gelernt habe etwas durchzuziehen, etwas zu Ende zu bringen.

Wenn die wüssten, wie viel Kraft man dazu benötigt – die hätten doch alles schon aufgegeben. Denn das was man von uns verlangt, das würde man von Normalos erst gar nicht fordern.

Ich bin nur so wütend. Ein Leben lang trichterte man mir ein, dass ich dumm bin, dass ich nicht liebenswert bin. Das eh nix aus mir wird. Wer will bzw. kann denn da noch wachsen? Verlorene Kinder-/Menschenseelen. In einer Gesellschaft in der alles und jeder normiert wird (ist ja soooo einfach und soooo langweilig, gähn).

Ich bin stark und weigere und weigerte mich stets unter größten Anstrengungen die Bewertungen unwissender (wirklich dummer) Menschen, die nicht fühlen, die nicht sehen, die nicht denken und phantasieren können wie ich, zu akzeptieren.

Ich bin jetzt 44 Jahre alt. Ich weiß erst seit ca. 6 Wochen dass ich diese „Begabung“ habe. Für mich war es eine riesen Erleichterung zu wissen, dass ich so wie ich bin sein darf. Und jetzt erst recht."

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​Wie geht es Ihnen? Was sind Ihre Gedanken dazu? Schreiben Sie mir unten in die Kommentare, was Sie dazu denken.

Herzliche Grüße
Birgit Boekhoff

Dieser Beitrag hat 63 Kommentare
  1. Hallo Leute,

    endlich mal eine Seite auf der man etwas mehr über seine Verhaltensweisen und Lösungsansätze erfährt. Ich finde das Thema wird unzureichend behandelt und nicht ernst genommen, eher noch als Spinnerei abgetan.
    Ich möchte kurz etwas los werden um meine Gedanken etwas zu ordnen (ihr kennt das „Problem“). Ich bin 29 Jahre alt und hänge noch in meinem Vollzeit-Ingenieursstudium (Bachelor) rum. Ich habe mein Studium bereits einmal nach 4 Semestern gewechselt und da ich einen sehr hohen Anspruch an mich habe, habe ich mir nicht erlaubt einen einfacheren Bildungsweg zu gehen. Bisher bin ich so durchgerutscht und es tatsächlich zur Abschlussarbeit geschafft mit enormer Anstrengung. Das Lernen fiel mir immer sehr schwer, generell interessieren mich die Themen, allerdings bin ich sehr unstrukturiert und lerne auf den letzten Drücker. Fatal für Klausuren, auf die man 3-4 Wochen lernt. Also bin ich zig mal durchgefallen und mein Bachelorstudium hat sich auf 11 Semester ausgedehnt. Als ich meinen Betreuer der Abschlussarbeit fragte wie es bei ihm so lief, stellte sich folgendes heraus: er ist 2 Jahre jünger, hat einen Masterabschluss, 2 Jahre Berufserfahrung und meldet demnächst seine Doktorarbeit an. Sehr deprimierend wenn man das hört. Natürlich freue ich mich für ihn, aber gleichzeitig denke ich mir wie langsam und schwer von Begriff ich doch scheinbar bin. Ich überlege tatsächlich ob ich meinen Abschluss mache und dann in einen anderen Beruf oder in die Selbstständigkeit gehe, in der ich nach meinem Tempo arbeiten kann. Ich merke dass die Menschen, gerade in den Ingenieursberufen, sehr viel Wert auf Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Struktur, Organisation etc. legen. Zudem ist es wichtig sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Alles Dinge die mir unglaublich schwer fallen. Ich kann oft nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Tätigkeiten unterscheiden. So sind oft auch mal 3 Tage Arbeit für die Katz. Oft habe ich zu hören bekommen, ich solle doch zuverlässiger, schneller, konzentrierter etc. sein. Aber für wen halten sich diese Leute, die mir so etwas an den Kopf werfen? Oft merke ich dass es sehr oberflächliche Menschen sind, die sich stark vergleichen und anpassen, mit einem geringen Reflexionsgrad und stark ausgeprägtem Glauben an gesellschaftliche Konventionen. Das komplette Gegenteil von mir. Wieso sollte ich also auf solche Leute hören? Doch nur wenn ich so werden will wie sie. Ich glaube der einzige Weg um als Adhs’ler dauerhaft glücklich zu werden ist, sich und seine Umstände zu akzeptieren und den Mut zu entwickeln seinen eigenen Weg zu gehen. Man muss mich wohl oder übel von anderen Menschen distanzieren, da der ständige Widerstand der Gesellschaft und die sinnlosen Diskussionen mit Menschen die es sowieso nicht verstehen einem nur die Energie rauben. Akzeptiert euch und versucht nicht wie die anderen zu sein, denn das ist nicht unsere Stärke. Ich weiß selbst wie schwer das ist und wünsche jedem viel Mut und Energie sein Leben auf seine Art zu leben.

  2. Durch Zufall bin ich auf diese Seite mit den vielen Äußerungen von Betroffenen gestoßen. Bei allem Verständnis für die Krankheit ist es mir wichtig, auch mal für die Angehörigen zu sprechen. Hier ist viel von Sehnsucht nach dem Verstandenwerden die Rede. Nichtbetroffene sollen Rücksicht nehmen und sich in die Person versetzen. Alles schön und gut. Aber ich muss hier die Frage stellen, ob Betroffene im Wissen ihrer Krankheit nicht auch mal Rücksicht auf ihre Angehörigen und ihr Umfeld nehmen sollten? Das können ADHS-Betroffene leider nicht. Im Gegenteil: Sie fordern immer lieb und freundlich behandelt zu werden, aber im Gegenzug sind es die Menschen, die am meisten austeilen. Und aus so einer Einseitigkeit können keine tragfähigen Beziehungen entstehen. Wisst ihr wie es ist eine Mutter mit ADHS zu haben? Wo man in einer Wohnung aufwächst, die aussieht wie Dreckloch? Wo ich als kleines Kind schon aufgeräumt habe und am nächsten Tag wieder alles durcheinander war? Wo der Kühlschrank lebt? Die ständig bestellt und die Rechnungen verlegt? Bis der Gerichtsvollzieher kommt (obwohl Geld vorhanden ist)? Die eine Tätigkeit anfängt und in der nächsten Minute schon woanders ist? Die am Abend plötzlich aufspringt und noch wohin will, obwohl mein Vater ganz früh arbeiten muss? Mein Vater dieses in einer Minute so, in der anderen Minute so, den Jähzorn, die Impulsivität und die verdreckte Wohnung nicht mehr ausgehalten hat? Zum Glück seinen Selbstmordversuch überlebt und sich danach getrennt hat? Er wollte sich für mich nicht trennen und hat keinen anderen Ausweg gesehen. Er hat diesen dauerhaften Unfrieden, den ständig auf 100% laufenden Motor nicht mehr ausgehalten. Es ist furchtbar, ich kann ihn verstehen. Wisst ihr wie es ist, wenn man als Kind zu Geburtstagsfeiern zwei Tage lang die Wohnung aufgeräumt hat um Gäste empfangen zu können? Ich noch gekocht habe und von meiner Mutter vor allen Gästen angeschrien wurde weil sie dachte, es würde sie wieder Jemand kritisieren? „Die Gedanken sind frei“ – nicht bei ADHS-Betroffenen. Die meinen dir anzusehen, dass du irgendetwas Negatives über sie denkst und brüllen los – egal ob Leute in der Nähe sind. Man wird zum Sündenbock gemacht, obwohl man absolut nix Böses im Sinn hatte. Und bei all dem ganzen meinen die ADHSler, die anderen Menschen sind falsch. Sie liegen richtig. Sind selbst Geisterfahrer auf der Autobahn denken aber, alle anderen Autofahrer fahren falsch… Ich bin über die Jahre depressiv geworden und mir fehlt der Lebensmut. Keine Nestwärme, kein sicherer Hafen, aus dem man gestärkt ins Leben gehen kann… Darauf wollte ich nur mal hinweisen. Gegenseitige Rücksicht. Vielleicht kann es mir ein Betroffener beantworten. Warum fordert ihr Rücksicht, nehmt aber keinerlei Rücksicht auf eure Lieben, die teilweise auch unheimlich unter dem Verhalten leiden? Warum? Hm, aber eigentlich habe ich resigniert… Erwarte gar keine Antwort mehr auf die Frage…
    Liebe Grüße,
    Oliver

    1. Lieber Oliver,
      das was Sie schreiben und erlebt haben ist schrecklich und auch nicht mit ADHS „zu entschuldigen“. Und darum geht es hier auch gar nicht. Das Verhalten Ihrer Eltern ist sicherlich nicht hinzunehmen – nur konnten Sie als Kind nichts dagegen tun und vielleicht hatten Sie auch keine Unterstützung durch andere Mitmenschen, das ist schlimm.
      Dennoch ist es nicht richtig, hier zu pauschalisieren. Nicht alle ADHS-Menschen sind wie Ihre Eltern. Daher kann Ihre Kritik auch nicht pauschal auf alle ADHS-Menschen übertragen werden.
      Es gibt durchaus auch sehr viele andere ADHS-Menschen, die sich sehr darum bemühen, dem Leben, ihrem Alltag und auch ihren Mitmenschen gerecht zu werden. Und sie schaffen es nicht. Wie sehr sich Ihre Eltern bemüht haben, weiß ich nicht.
      Dieser Beitrag ruft nicht dazu auf, intolerables Verhalten zu tolerieren, weil jemand ADHS hat. Dieser Artikel ruft dazu auf, sich die Mühe zu machen, die ADHS-Menschen zu verstehen, die sich sehr bemühen, das Leben zu schaffen und ihren Mitmenschen gute Zeitgenossen zu sein.
      Vielleicht hilft Ihnen meine Antwort etwas dabei, sich wertgeschätzt zu fühlen in dem, was Sie erlebt haben.

      Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen Weg finden, das Erlebte für sich selbst zu verarbeiten.

      Herzliche Grüße
      Birgit Boekhoff

    2. Lieber Oliver . Eine Antwort kommt vielleicht schneller als Gedacht. Die Kombination deiner Geschichte ,Schreibstil und die angesprochenen psychischen Symptome ,klingen dezent nach einer narzistischen Entwicklung ,ausgelöst durch deine(fehlende) Mutter. Das klingt heftig . In meiner Erziehung war es Grad andersrum . Bzw eben genau wie oben beschrieben . Nur jetzt wird mir das klar. Bin seit 6 Jahren in psychiatrischer Behandlung mit mäßigem Erfolg : Diagnose Borderline. Meine Medikamente lindern zwar meine depressiven Schübe ,aber meine Problematiken nicht . Und die decken sich teilweise erschreckend mit der deiner Mutter. :o tut mir echt leid übrigens :/
      Nun zu deiner Frage: Persönlichkeitsstörungen sind bei jedem in der Ausprägung der Symptome unterschiedlich, da spielen die individuellen Lebensbedingungen eine maßgebliche Rolle.
      Ich verstehe zb jetzt nach vielen Jahren erst ,das mein Vater eine narzisstische PSS hat unter der ich bis heute leider und auch sehr gelitten hab. Meine Mutter ist genau das Gegenteil meines Vaters und da sie auch unter meinem Vater sehr gelitten hat , habe ich mich aus Mitleid meiner Mutter angepasst . Dadurch geh ich grad heute sehr sehr rücksichtsvoll mit meinen Lieben um.
      Kann aber auch in anderen Bereichen wiederum sehr rücksichtslos werden .
      Ich hoffe ich konnte dir einwenig helfen
      Zumindest würde ich in deiner Situation echt erwägen dass fachliche Gespräch zu suchen .
      LG
      Rob

      1. Hey Oliver,

        ich als Betroffener habe meine Verantwortung erkannt und trage diese für meine Handlungen und somit den Konsequenzen, die daraus erwachsen. Durch penible Organisation funktioniere ich in den meisten Lebensbereichen. Aber leider kostet das unheimlich viel Kraft. Mehr als ein StiNo benötigen würde. Ich verlange nicht mal, dass jemand das außerordentlich würdigt. Meine Bitte ist nur, dass mir Fehltritte einfach nicht so sehr angekreidet werden. Vielleicht hat deine Mutter einfach nur größere Schwierigkeiten gehabt, sich ihren Problemen zu stellen. Es hat ihr einfach die Unterstützung an den entscheidenden Stellen gefehlt, auch wenn du alles in deiner Macht stehende getan hast.

    3. Servus,

      Ich denke als betroffener kann ich dir villeicht keine Antwort geben, aber ich kann dir die Sichtweise deiner Mutter eventuell ein wenig spiegeln. Komischerweise ist es allerdings bei mir genau umekehrt: obwohl ich der ADHSler bin, habe ich einen riesen Ordnungszwang und meine mutter ist tatsächlich die „unordentliche“. Als Adhs-betroffener ist es so:
      Sobald Ich einen Fehler mache, mache ich mich schon in diesem Moment selber fertig. Ich mache momentan eine Ausbildung zum kfz mechatroniker und bin dort auch schon sehr oft aufgefallen aufgrund meiner eigenen schusseligkeit. Und jedes mal sage ich mir es passiert nie wieder und jedes mal schlägt es wieder fehl und die kollegen und gesellen weisen mich daraufhin. Allein die Blicke von ihnen reichen aus um mich wirklich sehr zu „kränken“. Ich habe einen super Abschluss und habe wirklich sehr gute noten in der berufsschule, aber jedes mal wenn ich versuche zu beweisen, dass ich doch noch etwas kann schlägt es fehl und die kollegen weisen einen wieder darauf hin. Glaub mir es gibt nichts schlimmeres als wenn man sich bei einer arbeit mühe gibt und frustriert feststellen muss, dass es wieder fehlgeschlagen ist. VOR ALLEM wenn man diese aufgaben für menschen die einem am herzen liegen erledigt. Man hinterfragt sich selbst und wird immer unsicherer und macht immer mehr fehler. In so einem Moment der frustration reicht es aus, wenn ein kollege oder (in diesem fall schlimmer) du deine mutter auf einen Fehler hinweist, um diesen Teufelskreis immer wieder anzukurbeln. Ich bin zum beispiel auch ein krankhafter ja sager. Ich will jedem um mich herum helfen, nehme viele aufgaben an um zu zeigen, dass ich es wirklich immer gut meine und immer alles gebe. Und am ende vergisst man ein oder zwei kleine sachen und alles was du bis dahin getan hast ist als wäre es nie geschehen und alles was du dafür bekommst ist wieder nur verachtung. Auch ich (obwohl ich es immer versuche zu unterbinden) lasse diesen frust bei menschen aus die mir sehr am herzen liegen, aber ich sage immer, dass das nur einen grund hat:
      Die Menschen bei denen man sich auslässt, sind immer die nahestehenden, weil diese dieses verhalten zumindest nicht bestrafen. Auch wenn sie es nicht tolerieren und sich villeicht sogar dadurch gekränkt fühlen, bestrafen sie einen nicht. Ich glaube genauso, wie ich meinen frust bei meinen Eltern auslasse, so hat deine mutter ihren frust bei dir und deinem vater ausgelassen. Ich für meinen teil fühle mich grauenvoll wenn das mal wieder passiert, weil ich weiss, dass sie absolut nichts für meine situation können. Ich denke bei deiner mutter wird es bestimmt nicht anders gewesen sein. Ich will deine Mutter nicht verteidigen, aber ich hoffe zumindest, dass ich wenigstens im ansatz dir die Denkweise von solchen Menschen aufzeigen konnte.

      L.G.

      1. Hallo Frany,

        so ungefähr wie Du es beschreibst, stelle ich mir es auch vor. Das Problem ist, dass man quasi vor einer Patt-Situation. Aktuelles Beispiel: Meine Mutter bat mich, für sie die Batterie ihrer Armbanduhr zu wechseln. Ich bat sie daraufhin, die Batterie zumindest in der Stadt zu kaufen und habe ihr die Werte auf einen Zettel geschrieben. Sie hat sich dann angezogen und als sie losfahren wollte, war der Zettel natürlich weg. Natürlich habe ich aus Reflex die Augen verdreht. Wie du schreibst, reichte dieses „Augenverdrehen“ aus, um bei ihr einen Wutanfall übelster Sorte auszulösen. Draußen und vor Nachbarn, die gerade im Garten waren. Und das, obwohl man ihr wieder mal nur einen Gefallen tun wollte. Banalste Alltagssituationen und normale menschliche Reaktionen lösen so ein Theater aus. Verstehst Du? Irgendwann hat das Verständnis doch mal ein Ende. Ich bringe doch schon genug Verständnis auf. Bringt meine Mutter im Gegenzug auch mal Verständnis auf? Dass das Augenverdrehten vielleicht berechtigt ist und außerdem nicht kontrollierbar? Ich halte mich mit Äußerungen doch schon zurück und schlucke, schlucke und schlucke. Ergebnis der Aktion war, dass sie in der Stadt war und sich ein Kleid gekauft hat. Die Uhr liegt ohne Batterie im Bad und ich weiß schon jetzt, sie wird sich eine neue Uhr im Internet bestellen, diese erst nach dem Brief eines Inkasso-Büros mit ordentlich Gebühren bezahlen und am Ende lamentieren, wo nur immer das Geld hin ist. Und das ist eine harmlose Situation, wie sie in der Woche mehrfach vorkommt. Und die Wut an seinen Lieben auszulassen, weil diese nicht strafen… Naja, ich behalte es für mich, was ich darüber denke.

  3. Hallo in die Runde…
    bin neu hier 51 Jahre alt, und beschäftige mich seit 2 Tagen mit dem Thema ADHS bei Erwachsenen, Nachdem mich eine Arbeitskollegin beiseite genommen hat. (Ich bin Arbeitspädagoge/Gruppenleiter in einer Werkstat für psychisch kranke Menschen)

    Ich googelte ein wenig darüber, und dann kam die Erkenntnis wie ein Vorhammerschlag.
    Mein gesamtes Leben steht von einem auf den anderen Moment in einem ganz anderen Licht da……Erklärungen für so viele Dinge die ich erlebt habe……Hoffnung……Trauer…..Erleichterung…..all das wühlt mich momentan sehr auf……Tränen der Erleichterung, endlich zu wissen warum man so ist wie man ist, werden abgelöst von Tränen der Trauer über verpasste Möglichkeiten……erleichtert zu sein ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
    Eine Achterbahn der Gefühle und Gedanken die nur schwer zu ertragen ist

    Ich bin aktuell mal wieder in einer Lebenskrise (Trennung/Scheidung) und beruflich läuft es auch aus dem Ruder.
    Letztes Jahr im Mai hatte ich einen Herzinfarkt und dieses Jahr im Januar ein chronisch subdurales Hämatom

    Momentan kostet es mich meine gesammte Energie meine Arbeit aufrecht zu erhalten, was eher schlecht als recht funktioniert.
    Deswegen nahm meine Kollegin mich zur Seite und riet mir mich mal über ADHS zu informieren.

    Das ich über kurz oder lang Hilfe brauchen werde war mir schon etwas länger klar aber ich fragte mich immer…. wofür denn genau?
    DIE Frage dürfte beantwortet sein oder zumindest habe ich einen konkreten Ansatz…..soweit so gut.

    Aber dann suche ich mir einen Wolf nach Anlaufstellen und muss feststellen…..Arschkarte….Du wohnst auf dem platten Land und hast da schlechte Karten.

    Ich bin völlig überfordert mit der Flut an Infos und Gedanken/Gefühlen einen klaren Gedanken zu fassen was ich tun kann oder muss um mir die nötige Hilfe recht zügig zu holen…….

  4. Hallo Zusammen,
    Ich bin eben über diese Seite gestolpert. Also ich bin kein guter Schreiber, habt ein wenig Nachsicht. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und habe seit ca 4 Monaten die Diagnose ADHS aber wie bei allen hier zieht sich dieser rote Faden durch mein ganzes Leben, In allen möglichen Situationen, sei es Beruflich oder in der Partnerschaft usw. Ich konnte nicht einmal eine Ausbildung abschließen, entweder war ich zu „schlecht“ oder so „gut“ das Kollegen Angst um ihre Stelle hatten.
    Ein Beispiel:
    Ich begann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Baumarkt, es machte mir wirklich Spass ich brannte regelrecht für diese Ausbildung. Ich konnte mich in der Berufsschule konzentrieren und siehe da, meinen Hauptschulabschluss machte ich mit einem Schnitt von 4,6 und in dieser Ausbildung gingen meine Noten durch die Decke, auf einmal hatte ich einen Notenschnitt von 1,2. Ich bekam die Chance die 3 jährige Ausbildung auf 2 Jahre zu verkürzen und kam in die Klasse für den zusätzlichen Handelsassistenten. Ich war stolz ohne Ende, endlich konnte ich etwas, ich war gut in etwas. Aber mein spezielles Talent hat mich bald wieder aus meiner Euphorie gerissen, ich kam zum Beginn der Grillsaison und die Gartenabteilung. Der Abteilungsleiter ging eine Woche nach dem ich in die Abteilung kam für 3 Wochen in Urlaub, also war ich alleine verantwortlich. Ich baute jede Woche die Werbeflächen auf, brachte mir selbst das Bestellsystem bei und bat meinen Chef um einen eigenen Programmzugang um nicht ständig die Kunden zu anderen Mitarbeitern zu schicken, ich hatte Spass und wollte natürlich glänzen. Letztendlich konnte ich in den 3 Wochen viel Umsatz in dieser Abteilung machen und habe nebenher mitbekommen, das der Abteilungsleiter seit 3 Monaten das Kaltlager ordnen und aufräumen sollte aber nicht dazu kam weil er immer alleine war und der aktuelle Verkauf vorang hatte. Ich dachte nicht weiter darüber nach und wollte ihm eine Freude machen, wenn er aus dem Urlaub zurück kommt, also blieb ich 1 Woche täglich 1-2 Std länger und brachte das Lager auf Vordermann. Wie gesagt ich hab mir nichts weiter dabei gedacht. Wie den so ist kommt der Abteilungsleiter aus dem Urlaub wieder. Ich kam zur Arbeit und war noch keine 2 Schritte im Markt würde ich schon auf das übelste Beschimpft. Was ich für A….loch sei usw usw. Als er fertig war, sagte er “ Ich will dich nicht mehr in meiner Abteilung, ich hab dafür gesorgt das Du an die Kasse kommst“ ja da war ich nun, absolut entsetzt und meine Welt brach zusammen, aber das war nich nicht das Ende. Ich war 2 Tage an der Kasse und aufeinmal fehlten angeblich über 200 Euro bei meiner Abrechnung, ohne die Sache zu überprüfen oder nachverfolgen wie das sein kann. Warf mich der erwähnte Abteilungsleiter mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht aus dem Markt und ganz zufällig hatte er auch direkt meine Kündigung und ein schriftliches Hausverbot in der Hand.

    Von diesem Tag ab kam zu dem schon sehr ausgeprägtem ADHS ( war zu der Zeit nicht Diagnostiziert ) noch eine schwere Depression hinzu, die sich bis heute mit durch mein Leben schleppt. Immer wieder in meinen weiteren Leben traf ich auf mehr oder weniger Probleme. Aber die Krönung allen Übels gedankt sei dem ADHS, meine Expartnerin bekam Wind von der Diagnose und möchte nicht das, meine 4 jährige Tochter weiter Kontakt mit mir hat, leider schafft sie es auch Einfluss auf meine Maus zu nehmen, sie spricht nicht mehr mit mir, sie kommt nicht mehr mit wenn ich sie abholen möchte. Naja ich möchte euch nicht weiter damit langweilen zudem schweife ich ab, entschuldigt.
    Wie schon in anderen Beiträgen erwähnt, hat das Umfeld oft Probleme im Umgang mit Menschen die ADHS haben. Das habe ich mit meiner letzten Partnerin schmerzlich lernen müssen, diese war wohl völlig überfordert mit meiner „speziellen Eigenschaft“ und das obwohl ich offen über meine, ich nenne es jetzt mal Eigenschaften gesprochen habe und irgendwie versuchte meine Macken in vielen Situationen zu erklären. Zudem waren wir 3 Jahre lang gut befreundet bevor wir zueinander fanden. Naja diese Beziehung endete so, das sie allem Anschein nach komplett überfordert mit mir war und anfing mich zu verprügeln, nicht mit der flachen Hand, nein mit der Faust und es war nicht nur ein so genannter Ausrutscher, es passierte auch nicht nur einmal.
    Naja wie dem so sei verzweifelte ich jetzt an mir selbst. Immer wieder stellte ich die Frage was stimmt den nicht mit MIR, ich suchte eine Psychotherapeutin, was ich nicht wusste das sie auf ADHS Patienten spezialisiert ist. So kam ich zu meiner Diagnose. Nun bin nach Monaten immer noch in der Findungsphase meines Ritalins (momentan 3×30mg ) am Tag. Aber die richtige Dosis ist wohl noch nicht erreicht.
    Aber es scheint auch Lichtblicke zu geben in diesem Leben aus dunkel und selbstzweifel. Ich habe seit kurzem einen neuen Job und dort gibt es Menschen die selbst Menschen mit ADHS in ihrem Umfeld haben, als ich das mitbekommen habe, nahm ich meinen Mut zusammen und machte von vorne herein reinen Tisch, die besagten Kollegen hatten aber schon einen Verdacht. Aber siehe da, sie wissen was bei mir Phase ist und wissen damit umzugehen und haben Verständnis. Nun geht es langsam bergauf und ich kann langsam wieder glänzen und werde in den Bereichen die mir gut liegen gezielt unterstützt von meinen Kollegen. Ich fühle mich endlich mal wieder nützlich und zugehörig zu einem Team.
    Eine Sache nur die mich verstört, ich bin den ganzen Tag im Büro voll fokussiert auf meine Arbeit und das Gedankenkarussel hält tatsächlich zu 90% still und die Arbeit macht mir richtig Spass. Wenn ich das Büro verlasse bin ich richtig erschöpft aber im durchaus positiven Sinne. Nur bin ich dann zuhause nach einem langen Tag, bricht die Depression wieder über mir ein. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen, das Karussell dreht sich wieder. Motivation gleich Null, egal wozu, das unruhige zappeln kommt wieder die innere Unruhe hält mich auf Trab. Was kann ich dagegen tun ?

    An dieser Stelle möchte ich gerne Danke sagen, einmal dafür das ich hier einfach mal, einen großen Brocken, meiner Last vom Stapel lassen konnte.
    Das nächste Danke geht an all die, die sich die Mühe gemacht haben, den von mir verfassten Schwall meines Lebens zu Ende gelesen haben. Nur nebenbei hab ich für diesen Text ca. 3 Std gebraucht, die meisten kennen das sicher, die wiederkehrende Ablenkung durch zig verschiedene Gedanken usw.

  5. Es geht leider auch Menschen mit anderen „Diagnosen“ so. Ich habe seit langer Zeit eine Depression aufgrund von vielen Belastungen und bin , wenn sie gerade aktiv ist, im Denken Denkenverlangsamt, kann nicht so schnell reagieren und bin ängstlicher und sensibler anderen gegenüber. Auch deshalb, weil ich in diesen Situationen erfahren habe, belächelt und ungeduldig darauf aufmerksam gemacht zu werden. Dass ich damit u.a. 2 Ausbildungen und 1 Studium ohne Unterstützung erreicht und trotzdem anderen Menschen geholfen habe, ist weniger interessant. Ich war schon immer sensibel und nehme auch schnell Stimmungen auf – eine Art Hochsensibilität. Solange man nützlich ist, ist es o.k., aber nicht, wenn man kämpfen und sich schützen muss. Inzwischen distanziert sich die sog. Fam. und eine Nichte, die ich trotz allem immer auch bei sehr schwierigen Dingen und in belastenden Situationen unterstützt habe, möchte nun ihr Kind vor mir „schützen“, und meldet es gleichzeitig in einem integrativen Kindergarten an.
    Ich wünsche allen, mit irgendwelchen „Diagnosen“, Selbstwert und sich nicht zu vergleichen. Als Kind ist das noch schwerer, das weiss ich, aber später kann man daraus seine Erkenntnis ziehen. Allen ohne Diagnose wünsche ich Glück, dass sie keine bekommen mögen ;)

  6. Hallo Zusammen,

    ich muss mich eingangs einem meiner „Vorschreiber“ anschließen. Es tut einfach gut gleiche oder ähnliche Geschichten zu lesen! Ich bin 41 und führe seit ich mich erinnern kann einen inneren Kampf. Den Kampf trotz größter Anstrengung unfähig zu sein, die Kontrolle über mich selber zu haben. Gerade jetzt während des Schreibens schwirren wieder 1000 Gedanken in meinem Kopf, die für mich eigentlich ein klares Bild ergeben, allein ich bin unfähig diese Gedanken zu ordnen und aufs „Papier“ zu bringen. Wenn ich das versuche, habe ich das Gefühl, dass mein Gehirn verkrampft. Kennt Ihr das? Es war und ist für mich sehr schwierig darüber nicht zu resignieren, einzubrechen und damit zu konstatieren, dass ich vielleicht am Ende doch einfach nur faul, charakterschwach, unaufgeräumt und dumm bin. Dieses stetige Hin und Her ist sehr aufreibend. Eure Beiträge zu lesen bestärkt mich darin nicht aufzugeben. Ich weiß erst seit 2 Wochen von meiner Diagnose und bin unendlich froh und dankbar mein ganzes persönliches Dilemma nun einordnen zu können. Es hat sich zwar noch nichts verbessert, aber auf einmal macht alles Sinn. Ich habe es stets einigermaßen verstanden eine gesellschaftstaugliche Fassade aufrecht zu erhalten, aber im Inneren war ich zerfressen von Selbstzweifeln, Wut etc. – Mit 17 Jahren habe ich begonnen Drogen zu konsumieren ( Speed, Extasy & Kokain) Hört sich vielleicht komisch an, aber das war für mich, ohne mir dessen bewusst zu sein, eine Art der Therapie. Denn die Drogen haben mich -im Gegensatz zu den meisten anderen Konsumenten – „ruhig“ gemacht. Ein geordneter Kopf, fokussiert, klare Gedanken. Auf einmal ist alles strukturiert, die wirren im Kopf fügen sich zusammen und nehmen Gestalt an. Tja, leider sind Drogen, wie wir alle wissen nicht frei von Nebenwirkungen. Die Ironie des Schicksals ist, dass sie einerseits therapeutische Wirkung hatten, andererseits mein Leben in anderen Bereichen fast zerstört hätten. Ich habe jetzt die große Hoffnung, dass therapeutische Maßnahmen in Verbindung mit Medikamenten mir helfen können, den Zirkus in meinem Kopf zu bändigen und somit eine neue Form von Lebensqualität entsteht.
    Bleibt stark!

  7. Toller Text! Ich stehe wieder mal vor einer Kündigung, weil ich zu Beginn zu langsam oder zu vergesslich bin. ADHS und neuer Job ist gruslig. Denn nach mehreren negativen Erfahrungen (auch mit Mobbing, denn langsame Kollegen mag fast niemand) wächst natürlich die Angst vor dem erneuten Versagen. Und dann zweifelt man, weil man schon merkt: Au weh, jetzt ist mein Kopf grade übervoll! Und dann kommt noch eine neue Aufgabe und es kommt früher oder später der Punkt, wo man patzt. Und es heißt: „Beim nächsten Mal bitte ein bisschen besser konzentrieren!“ Das ist wie: „Schalte in den 6. Gang.“ Aber ich habe nur 5. Das schmerzt jedesmal wie ein Dolchstoß. Ich musste mich irgendwann wegen selbstverletzendem Verhalten und Suizidgedanken behandeln lassen, weil die Kritik so weh tat und ich mich sehr anstrengen musste, keine allzu dummen Fehler zu machen. Warum kriege ich mit Uniabschluss keinen Job auf die Reihe? Warum muss ich mir von anderen Tipps geben lassen, wie ich mich besser konzentrieren kann und wie ein Schulkind dann dabei nicken und „Danke, das mache ich.“ sagen? Studiert, schlau, liebenswert, aber chronisch erfolglos im Job. W, 34, kämpferisch.

    1. Hey Leni,
      ich fühle mit dir ! Darf ich fragen wie du es durchs Studium geschafft hast?
      Habe damals mit BWL angefangen und bin durchgedreht. Stundenlanges Lernen und trockener Stoff sind nichts womit ich etwas anfangen kann, bzw etwas was ich für sinnvoll halte im Leben.
      Aber ich habe trotzdem versucht mich durchzubeissen, ohne Erfolg.
      Wie hast du das auf die Reihe bekommen?
      lg Consti

    2. Liebe Leni, hier noch eine späte Antwort zu deinem Text. Ich kenne das, was du beschreibst, nur zu gut. Ich nehme jetzt seit einigen Monaten Strattera und kriege mein Leben seitdem zum Glück sehr viel besser auf die Reihe. Auch meine emotionale Stabilität wurde sehr viel besser. Ich weiß, viele lehnen Medikamente von vornherein ab, was ich aber nicht so ganz verstehe. Schließlich geht es bei AD(H)S um einen kranken oder – wer sich daran stört – nicht neurotypischen Hirnstoffwechsel. Viele wollen sich ja nicht „verändert“ fühlen, wie unter Drogen oder so. Dabei leidet man doch bereits an einem Ungleichgewicht in der Hirnchemie, das eine erheblich beeinträchtigt und verändert, einem die Kontrolle über die eigenen Gefühle oft genug nimmt, und das nimmt man dann einfach so hin, obwohl es einem absolut das Leben versaut. Kann ich echt nicht verstehen. So, ich musste mich mal kurz darüber aufregen, sorry, Leni ;-) Aber im Ernst, ich hätte es ohne Medis (natürlich in Kombination mit einem sehr anstrengenden psychischen Entwicklungsprozess, der sicher niemals aufhören wird) nie zu diesem glücklicheren, erfolgreicheren Leben geschafft. Und nein, ich bin keine Vertreterin eines Pharmaunternehmens und möchte hier auch keine Werbung machen ;-) Ist nur meine persönliche Erfahrung mit dem Thema. Alles Gute dir, Leni, und allen anderen geplagten ADHS-Seelen hier! Anne

  8. Hallo liebe Leute,

    kenne das gut, das Anderssein. Habe mir auch oft gewünscht tot zu sein. Als Kind und Schülerin konnte ich mir noch Auszeiten gönnen und fand es auch nicht schlimm, wenn die Noten nicht toll waren. Hauptsache ich hatte meine Ruhe. Irgendwie will man aber doch Freunde haben. Der Rückzug war also nicht ganz freiwillig.
    Die Probleme begannen erst im Berufsleben. Da musst Du halt Leistung bringen und Dich benehmen.
    Was mich am meisten nervt ist die Tatsache, dass unsere Macken nerven, aber wir die Macken der ‚Normalos‘ akzeptieren müssen. Ich kann eher mit Chaos und Unperfektion leben als mit Lieblosigkeit. Das macht mich fertig. Wenn es Leute nicht interessiert wie es einem wirklich geht. Da habe ich so eine Wut im Bauch. Man gibt sein Bestes und bekommt so wenig zurück.
    Das alles hat mich immer wieder in ein tiefes Loch gestürzt.
    Da kam Jesus ins Spiel. Er hatte schon immer eine besondere Liebe für Schwache und Randgruppen. Jesus liebt uns genauso wie wir sind. Wir sind ja so geschaffen worden. Bei ihm dürfen wir einfach nur Sein. Wir müssen nix leisten oder Masken tragen. Wir dürfen und sollen uns beim ihm auskotzen. Unsere Seele kommt zur Ruhe. Er gibt mir auch die nötige Kraft mein Leben zu meistern, mein Potential auszuschöpfen, mich selbst zu lieben und andere Menschen zu lieben und Ihnen zu verzeihen. Es ist immer noch herausfordernd, aber es zerrt alles nicht mehr so sehr an mir. Ich schöpfe immer wieder neue Kraft. Ich sehe uns ADHS ler als besonders helle Lichter in dieser Welt, die mitfühlen, die Wahrheit lieben, Dinge hinterfragen und Revolutzer sind. Unsere Schwachstelle ist das Ausbrennen, weil wir auch so leidenschaftlich sein können. Jesus war so ein Revolutzer, der nicht ausbrannte.
    Zu den Groben, Hartherzigen dieser Welt, der damaligen religiösen Elite war er direkt und konfrontierte sie mit ihren Fehlern. Er warf ihnen vor, dass sie nur nach Regeln leben, ohne Erbarmen und Menschlichkeit. Erinnert mich an den Großteil der Menschen heute. Das wünsche ich uns allen. Aufstehen für die Menschlichkeit, gegen Ungerechtigkeit und Kälte!
    Seid gesegnet!

  9. 2011 erhielt ich meine Diagnose, danach voller Eifer Medikation und Therapie. Zuerst Methylphenidat in nicht retardierter Form, dadurch heftige Rebounds mit fürchterlichen Wutausbrüchen, kannte mich selbst nicht mehr, alle litten mehr als vorher. Bin eher der ADS-Typ und eher verträumt und schusselig. Danach erst mal Finger weg von dem Zeug. Dann Ritalin retardiert, gehäufte Migräne als Nebenwirkung. Danach Strattera, auch große Probleme mit Nebenwirkungen. Ich strenge mich wahnsinnig an, „normal“ zu sein, weil ich niemandem unnötig Arbeit machen will, weil ich gute Leistungen bringen will, weil ich niemanden verletzen will. ADHS wird als Ausrede gesehen. Mein Selbstwertgefühl ist im Keller, ich bin extrem verletzlich und habe keine Kraft mehr diese „Kollateralschäden“ des ADHS auszugleichen. Ich wünschte ich wäre tot.

    1. Hallo Claudi!
      Ich erhielt mit ca. 22Jahren (2008) meine Diagnose. Habe damals Medikenet bekommen, aber fühlte mich damals nicht anders damit. Habe bis zum letzten Jahr viele Tiefs erlebt. Auch heute ist nicht alles supi, aber man kommt zurecht. Ich habe größtenteils alle Menschen, die mich nicht so akzeptieren und die Diagnose nur als Ausrede und Vorwand bezeichnen, aus meinem Leben ausgeschlossen, denn diese tun mir einfach nicht gut. Dieses Gefühl zu haben, man muss doch mehr schaffen, mehr leisten, mehr können. Immer mehr und besser und dabei noch entspannt und fröhlich sein. Diese Denkweise kann mich wirklich mal. Seit dem Kindergartenalter wollte ich lieber tot sein, damit dass alles endlich ein Ende hat. Damit ich frei bin von dieser Schwere. Doch irgendwie hab ich es bis hier her geschafft. Ich bin heute immernoch an manchen Tagen mehr, an anderen weniger, mit der Welt überfordert, aber ich liebe es zu leben, ich liebe meine Kinder, meinen Mann (meistens ;) ) und meine wenigen Freunde. Besonders, weil wir alle nicht „normal“ sind. Hast du mal geschaut, ob es bei dir in der Nähe eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit ADS gibt? Mir hat diese geholfen, mich so anzunehmen, wie ich bin.
      Auch wenn es noch so schwer ist im Moment, gib dich nicht auf. Du bist ein wunderbarer Mensch und anstatt, dass du auf andere Rücksicht nimmst, solltest du mehr Rücksicht auf dich nehmen. Es ist nicht leicht, sich in einer Gesellschaft zu akzeptieren die fordernd ist und ADS als Modeerscheinung abtut. Das wissen so gut wie alle Menschen mit dieser Veranlagung! Du bist nicht allein! <3

    2. Liebe Claudi,
      es scheint, als ob Sie bisher einfach nicht an die richtigen Stellen geraten sind, wo Sie praktische Hilfe finden konnten. Geben Sie nicht auf. Suchen Sie weiter nach Selbsthilfegruppen, Therapeuten oder schauen Sie sich meine Coaching-Angebote an. Es gibt Hilfe und es gibt Menschen, die Sie verstehen werden.
      (Und falls Sie wirklich konkrete Selbstmordgedanken haben, dann suchen Sie bitte Ihren Arzt oder eine nahegelegene Klinik auf.)
      Alles Gute,
      Birgit Boekhoff

    3. Liebe Claudi,

      ich kann mich selbst etwas in deinem Beitrag sehen. Meine Diagnose ist zwar noch Recht frisch, aber dennoch komme ich mir bereits wie ein Versuchskanninchen vor. Dosis hoch, Dosis runter, dieses Mittelchen, ach nein, lieber das mal versuchen. Zudem bin ich derzeit in einer Gruppentherapie, in der man mir wieder mal ein Korsett verpassen will. Die Therapeutinnen scheinen so fokussiert auf ihr Konzept zu sein, dass sie mich nicht hören. Auch ich würde in letzter Zeit lieber häufiger tot sein. Allerdings habe ich inzwischen herausgefunden, warum das so ist: ich will nicht, dass andere mir ständig sagen „du musst das tun oder so sein“. Wenn eine Therapeutin mir sagt, ich soll in mich spüren und meine Gefühle wahrnehmen und diese zulassen, dann würde ich ihr am liebsten eine zimmern. So als Ausdruck meiner so eben erspürten Gefühle, dass sie sich nicht die Mühe, mir zumindest zuzuhören und mich zu verstehen, da mir die Anleitungen ihres Skripts so gar nichts sagen. Und wenn ich an dem Punkt bin, an dem ich über Selbstmord nachdenke, fühle ich mich noch schlechter. Darüber reden geht so gar nicht, das will keiner hören. Nicht mal einem Arzt kann man sich anvertrauen, da man zu 99% prompt in eine Klinik verfrachtet wird, gegen den eigenen Willen.
      Unterm Strich scheint Menschen wie uns jemand zu fehlen, bei dem man sich alles von der Seele reden kann. Der nicht direkt ungefragt mit Ratschlägen ankommt, uns in ein Therapiekonzeptkorsett quetscht oder in eine Klinik verfrachtet. Wie schön wäre es jemanden zu haben, bei dem man einfach nur „sein“ kann. Jemand der da ist und einen doch in Ruhe lässt. Das wäre wie ein kleiner Erholungsurlaub vom Alltagswahnsinn.
      Vielleicht hilft es dir bereits etwas, dass Siegdörte und ich deine Lage nachvollziehen können.

    4. Du solltest Dich anstrengen, dass es Dir gut geht, nicht, dass Du anderen keine Arbeit machst! Du Bist nicht falsch, Du bist anders. Das bringt genauso Stärken wie Schwächen mit!

  10. Hallo alle zusammen
    Ich weis es auch erst so einige Wochen, das ich ads habe. Und ja als Kind war ich zu langsam, verträumt, konnte weder gut lesen noch schreiben. Hatte nach der Schule Kopfschmerzen und war immer müde. Man weiss man ist anders gestrickt, andere verstehen es nicht. Ich kam dann durch meine Söhne darauf, beide sind hyperaktiven wie ich.
    Ich ziehe mich immer wieder von alleine am Schopf hoch…mein Mann hilft mir wo er kann, er ist toll . Ich denke mir hinfallen und ausruhen ist okay, aber aufgeben nie mals. Ich bin wie ich bin und das ist gut so. Das wollte ich nur mal sagen. Last euch nicht hängen es gibt Hilfe und immer ein Weg. Nämlich euren Weg. So nun tschüß und schönen Sonntag noch

  11. Ja, so habe ich meine Kindheit und jungen erwachsenen Jahre ebenfalls erlebt. Zu langsam, zu dumm, zu tranig, zu viel Tagträume, zu unkonzentriert, zu verträumt. Inzwischen bin ich in Rente (64) und lebe sehr zurück gezogen. Meine Ehe ist schwierig, weil mein Mann zum Funktionieren erzogen wurde und mir all diese Sätze ebenfalls an den Kopf und somit mitten ins Herz gesetzt hat.
    Meine Nerven Standardsichtweisen (hatte ich nur selten) zu erfüllen, sind verbraucht. Außerdem habe ich mein persönliches So-Sein niemals als Krankheit empfunden, sondern oft viele meiner Mitmenschen für „flach“ bzw. unreflektiert. Ich hatte meistens einen kreativen Beruf und das war gut so. Ach ja, ich müßte dringend einmal meinen Schreibtisch aufgeräumt kriegen…. :-)

  12. Hallo Birgit,

    vermutlich jeder ADHS’ler, auch ich, kennen die oben von dir beschriebenen Szenarien. „Du machst mich wahnsinnig mit deinem ständigen hin und herlaufen.“ „Du kannst ja wenn du willst.“ Das waren vor meiner Diagnose und sind auch nach meiner Diagnose häufige Sätze höre.

    Natürlich treffen mich diese, aber ich kann sie auch verstehen. Ich denke es ist nicht immer einfach zu erkennen, ob dies nun auf ADHS zurückzuführen ist oder nicht.

    Wie häufig tut es mir Leid,….
    dass ich ständig in Bewegung bin und es andere in ihrer Ruhe stört.
    dass ich mich mal wieder völlig verschätzt habe und ein Freund/in wieder 5 Minuten auf mich warten muss.
    dass ich mal wieder wegen einer Kleinigkeit (weil die falsche Zahnpasta gekauft wurde) aus der Haut fahre und deshalb laut werde.

    Und wie häufig tut es mir Leid, dass ich jede Kleinigkeit ausdiskutiere und zwar bis zu dem Punkt, an dem der/die andere/n nachgeben.

    Es wird mir selbst i.d.R. direkt nach der Situation selbst klar, was falsch lief. Die Bewegung hole ich mir mittlerweile heimlich. Einen Vorwand aufzustehen gibt es schließlich immer. Wer beklagt sich schon über einen Weg ins Bad, in die Küche oder in den Wäschekeller ;-)

    Was ich eigentlich sagen möchte, wenn ich die kurze, spontane Auflistung sehe – meine Familie, Freunde und Partnerin – machen einiges mit und akzeptieren (vielleicht sogar „ertragen“) all diese Dinge, auch wenn Sie im ersten Moment verärgert sind. Und Sie akzeptieren Sie völlig unabhängig davon, ob ich ADHS habe oder nicht. Denn vermutlich kennen auch viele genau diese Wertung. Viele ADHS’ler sind glücklich über die Diagnose, nicht weil es toll ist ADHS zu haben, sondern einen Ansatz zu haben. Einen Ansatz an dem gearbeitet werden kann. Einige Wenige bewerten mich als Teil des Trends. Nach dem Motto „Jetzt wurde deinem Unvermögen, nur ein Name/Entschuldigung gegeben.“ Aber auch hier sagt wahrscheinlich keiner in böser Absicht etwas. Und Verständnis lässt sich halt nicht einfordern.

  13. ich könnte einfach nur heulen – ja eigentlich nicht normal für en mann, aber was solls. Meine Diagnose hab eich erst seit zwei jahren offiziell und auch erst, weil es mir keine Ruhe lies, dass ich mir nicht corstellen konnte, dass ich etwa so schlimm wäre, wie ich mich inzwischen fühle. Mein Selbstwert ist tiefer als im Keller. Die ganzen Sätze kenn ich nur zu gut. Allerdings habe ich vieles so verinericht, dass ich nicht mehr weiss, ob ich hase oder hund bin, ob ich faul oder bemüht bin, ob ich mich gehen lasse oder wirklich nicht anders kann kurzum ich bin neben ads mit einer persönlichkeitsstörung diagnostiziert, bei der man in einr therapie eine ganze menge mist wergräumen muss, um an irgendeinen kern zu gelangen.

    (nach über 50 jahren einfach nur schwer!

    Lasst es bei Euch aber vor allem bei euren kindern erst gar nicht so weit kommen!
    Man kann so viel kaputt machen!

  14. Mir haben sowohl dieser Text, der den Schneeball ins Rollen gebracht hat, als auch allesamt alle Kommentare zu dem Thema, das ich für mich „unsichtbare Mühen“ betitelt habe, sehr gut getan, weil sie bei den Gefühlen ansetzen und teilhaben lassen. Danke!

    Mein Beitrag ist in Reaktion und Antwort auf die ersten Kommentare von vor ein paar Wochen, die ich jetzt nicht mehr wiederfinde, entstanden.

    Ich empfinde das ADS als Gratwanderung zwischen der Hinwendung zu intensiven Erfahrungen, Neugier, Begeisterung für das Leben einerseits und dem Bedürfnis nach Schutz und Ruhe andererseits.

    Mein persönliches Rezept wirkt äußerlich sehr langweilig:
    Ich muss die festen Aktivitäten, die Programmpunkte, das Pensum heruntergefahren
    Mein Tag ist kürzer, weil ich mehr Schlaf brauche
    Ich arbeite „weniger“ als andere, 20 h verteilt auf 4 Tage, so habe ich einen Jokertag, Auffangtag, der einfach durch Nichtstun verschwendet werden kann, an dem ich Erledigungen machen kann, an dem ich inneren Gedanken nach Herzenslust nachhängen kann, an dem ich Zeit habe, jemandem eine Freude zu machen, usw.
    Ich verabrede mich regelmäßig, aber viel weniger als andere. Ich mache und schaffe quantitativ weniger als andere.

    Insgesamt habe ich oft das Gefühl, dass ich in einer anderen Zeitzone lebe, weil ich viel viel weniger mache und schaffe als andere ( im Ergebnis stimmt es aber auch irgendwie) und weil ich ein ganz anderes Empfinden von Zeit habe, das wiederum sehr wandelbar ist, ich kenne das Gefühl von Zeitlosigkeit, von nur Jetzt, das Gefühl, wie sich Zeit für mich weitet, das Gefühl der Zeit hinterherzulaufen, sogar das Gefühl, dass Zeit rückwärts laufen kann, etc.

    Erst wenn mein Leben „reduziert“ und langweilig ist, wird es gleichzeitig spannend, ich kann immer wieder Dinge geschehen lassen, die authentisch sind, also an denen ich mich freue, die von Herzen kommen, die mir entsprechen und die toll und aufregend sein können, auch wenn es zum Bsp. nur Gedanken, Pläne usw. sind, die ich vielleicht gar nicht verwirkliche.

    Das Rezept ist eigentlich kein Rezept, weil es ein solches gar nicht gibt, es gibt immer nur den eigenen Weg.

    Ich bin vor etwas mehr als ein und halb Jahren auf meine Konstitutionen gestoßen, die da sind ADS, Hochsensibilität, Autismus und (Hoch)begabung, nicht zu jeweils ein Viertel, sondern jeweils ganz, sozusagen vier Konstitutionen, die übereinanderliegen, die eine relativiert die andere nicht, im Verhältnis zueinander wirken sie sich sowohl die Schwierigkeiten potenzierend als auch lösungsweisend aus. Die Vereinnahmung von 4 Konstitutionen klingt zunächst inflationär, für mich ist es das deshalb nicht, weil ich überzeugt davon bin, dass diese Konstitutionen in der gleichen neurologischen Grundkonstitution wurzeln.

    Vielleicht tröstend:
    Von allen Konstitutionen erfüllt mich mittlerweile das ADS am meisten mit Stolz, obwohl es zugegebenermaßen immer wieder Situationen generiert, die mich mit Scham erfüllen.

    Vielleicht ermutigend
    Leben mit ADS dürfte in den allermeisten Fällen automatisch zumindest lebensabschnittsweise einen traumatischen Charakter haben, was sich wiederum auf das gesamte Denken und Verhalten auch in guten Zeiten auswirkt. Und wie soll das jetzt ermutigen? Ganz einfach, indem man sich darüber bewusst wird. Indem man sich nicht schlecht darüber fühlt, dass man sich vielleicht schlecht fühlt. Indem man die Lebensenergie, die darein geht, das Trauma zu lösen, nicht als Verschwendung sieht, sondern als Mut. Wir sind dazu gezwungen Versager und Helden zu sein. Und nicht zu Unrecht darf man auch mal schreien und protestieren, weil man nicht darum gebeten hat, ein Held zu sein und man sich überfordert fühlt und auch anderen viel zumuten muss.

    Seit einundhalb Jahren wohne ich mit meiner 5-jährigen Tochter und mit meinen 78-jährigen Eltern in familiärer Lebensgemeinschaft, ich selbst bin 44 Jahre alt, ich habe meine Selbständigkeit aufgegeben und arbeite jetzt im Angestelltenverhältnis, bin im Schmetterlingsclub (ADS-Coaching) von Frau Boekhoff, teile meine Erkenntnisse, Ängste, Verzweiflungen, Verwirrungen, Ideen, Fragen mit meinem Therapeuten, und nehme morgens und mittags Ritalin und morgens seit einem Jahr Escitalopram ( Antidepressivum). Das Thema meiner Therapie ist Unsichtbarkeit, Kommunikation und Beziehungsangst.

    Seit einem knappen Jahr habe ich erstmalig in meinem Leben sehr viel neuartiges Glück empfunden, und zwar ein seltsam anhaltendes Glück, das völlig anders ist als das Glück in Ewigkeits- oder euphorischen Momenten, und ich habe mich zeitweise gewundert, ob es eine Illusion ist, weil es so lange anhält und die Menschen langfristig eher zufrieden als glücklich sind, und bin zu dem interessanten Ergebnis gekommen, dass sich so die Abwesenheit von Unsicherheit und Angst anfühlt. Ich muss dazu sagen, dass ich mich eigentlich nie für einen ängstlichen oder unsicheren Menschen gehalten habe, deshalb bin ich nicht gleich darauf gekommen. So ähnlich wie Raucher, die sich beim Abgewöhnen des Rauchens hilfsweise vor Augen halten, dass die Nichtraucher sich immer so gut fühlen wie sie selbst sich nur noch mit Zigarette fühlen können. Es ist natürlich viel leichter sich etwas abzugewöhnen, was konkret ist, als nach etwas zu suchen, von dem man nicht genau weißt, was es ist.

    Aber unter dem Strich heißt es, dass der Kampf auf Lebenskonzepte und Lebensräume gerichtet sein muss, in denen sich die immer unsichtbare Angst und Unsicherheit nicht auflösen kann. Suche nach einer individuellen Mischung aus festen Ritualen und Freiheit, aus machbaren Aufgaben und Freiraum.

    Zu dem Vorgesagten gehören für mich unbedingt ein paar Beiträge, die ich im Folgenden dazustellen möchte. Es handelt sich um eigene Texte von Ende 2016, die zu dem Thema auf dieser Seite passen, welches ich mit „unsichtbare Mühen“ betiteln möchte.

    Der erste ist ein Kommentar zu einem Buch mit dem Thema ADS bei Frauen, den ich nie gepostet habe, der zweite heißt „Game Out“, der dritte „ADS und Therapie“ der vierte „Angst“, der fünfte „Lachen“, der sechste „Wunder“, zuletzt eine Collage von 4 Postkarten, die in der Zusammenstellung ein neues Bild ergeben. Die Texte sind, außer dem ersten, allesamt als Briefe an meinen Therapeuten entstanden, und stammen aus einer emotional schweren Zeit.

    Ich hoffe, ich darf den Rahmen eines „normalen“ Posting sprengen. Ich bin sehr langsam und brauche lange, um überhaupt etwas sagen zu können und wenn ich es tue, dann zeigt sich, dass es (zu) viel ist, aber ich kann es unmöglich komprimieren, weil es sonst viel zu unvollständig ist. Dies ist das allererste Mal, dass ich einen Kommentar ins Netz stelle.

    Falls es mengenmäßig nicht hineinpassen sollte, werde ich die Texte an Frau Boekhoff, mailen und Frau Boekhoff, Sie dürfen diese auf Anfrage gerne weitergeben.

    1
    Kommentar ( verfasst im Frühjahr 2017 ) zu dem Buch „ADS bei Frauen“ von Autorin Ryffel-Rawag

    Der Anfang des Textes fehlt, ich habe vergessen, wo ich ihn hingeschrieben, abgelegt oder gespeichert habe

    Bevor ich erkläre warum, möchte ich folgendes vorwegschicken:
    Ich möchte die Problematik des ADS und das Dunkel, das es in das Leben der Betroffenen bringt, nicht kleinreden.

    Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle ADS-ler wissen, wie sich eine Depression anfühlt oder zumindest immer wieder einmal „depressive Löcher“ haben.
    Ich möchte auch niemanden klein reden, der sich durch das Wiedererkennen von Leiden getröstet fühlt.

    Auch hat die Autorin mit Sicherheit durch Ihr gesamtes therapeutisches Wirken vielen Menschen helfen können. Ihr und allen Menschen sei Dank, die dabei mitwirken, die Existenz des ADS überhaupt ans Licht zu bringen und uns Betroffenen und der Öffentlichkeit näher zu bringen.

    Ich stimme aber mit der Verfasserin der Äußerung – das Buch sei nichts für „Freigeister“ -überein. ICh möchte noch einen Schritt weiter gehen und behaupte, dass alle ADS-ler aufgrund ihrer Konstitution ihrer Natur gemäß Freigeister sind oder es werden müssen, um ein erfülltes, zufriedenes Leben führen zu können. Einfaches Coaching, Anpassung daran, wie nicht ADS-er sind, ist nicht die ganze Lösung. Wir brauchen etwas Neues, etwas anderes für echte Integration. Und dieses Neue steckt in uns. Uns muss dabei geholfen werden, Vorreiter, Bewegende und Erfinder sein zu können!

    ADS ist keine Krankheit, sondern eine neurologische Konstitution, die eine Reizüberflutung bewirkt. Aus den Unmengen von Informationen, die in jedem Augenblick auf unser GEhirn treffen, werden nicht wie bei ADS-losen Menschen sofort die wichtigen ( = die gerade praktisch brauchbarsten) herausgefiltert und die restlichen aussortiert. Wir nehmen anders als andere Menschen ALLES gleichzeitig wahr. Deshalb ist der Begriff ADS (Aufmerksamkeit-Defizit-Syndrom) schon völlig falsch: eine ADS-lerin muss über eine viel bessere Konzentrationsfähigkeit verfügen und sich diese mühsam antrainieren, um die gerade praktisch wichtigen Informationen herauszufiltern und zu verarbeiten. Dies führt zu dem paradoxen Ergebnis, dass ADS-ler alltäglich an einfachen Aufgaben scheitern und im Gegensatz zu anderen Menschen große Schwierigkeiten haben, einfache Sachverhalte zu formulieren, sich andererseits wieder im Vergleich zu anderen Menschen, wunderbar auf eine Sache konzentrieren können, die sie sehr interessiert und auch für andere zu komplexe Aufgaben sehr differenziert lösen und komplexe Sachverhalte gut sprachlich ausdrücken können. Man spricht von Überfokussierung und Laserstrahl usw… Das ist aber der bei ADS-lern ganz normale alltägliche Fokus. Wir müssen immer das Unmögliche möglich machen, und oft gelingt es, und oft auch nicht. Wenn wir dabei Dinge bewältigen, die für nicht ADS-ler leicht sind, fällt es nicht weiter auf; wenn es etwas für nicht ADS-ler sichtbar Schwieriges ist, fällt es eben auf.

    Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass das ADS bei den Betroffenen mit einer großen inneren Unruhe einhergeht. Die Hyperaktiven schaffen durch den Ausdruck nach außen ein Ventil, bei den Hypoaktiven staut sich die Unruhe stärker und längerfristiger auf. In beiden Fällen fühlen wir uns – nicht zu Unrecht -unverstanden.

    2
    GAME OUT

    A. Gedankenfolge vom 03.12.2016

    Die Gedankenführung, die ich noch nicht aufgeschrieben habe, wurde angestoßen (gibt es ) seit ich Sylvestergespräche eines Sechsecks las, das für mich eine Offenbarung war, in der ich Mut und andeutungsweise eine Erklärung gefunden habe, die ich erst heute formulieren kann (Nach 30 Jahren! Apropos „verzögerte Abrufbarkeit von Wissen“ und „sein Anliegen nicht erklären können“. )

    Bestimmt ist dieses Buch in meinen Texten schon aufgetaucht, und in meinem Empfinden liegt in der Mitteilung einer Assoziation, eines Bildes, einer Musik gleichzeitig ihre/seine Erklärung, aber ich muss immer wieder feststellen, dass das in der Kommunikation nicht ausreicht. Es sind eben meine Assoziationen, die nur in meinem System einen Sinn ergeben. Das ist einleuchtend.

    Gleichzeitig fühle ich mich ständig so, als ob ich einen Witz sezieren muss, um ihn rüberzubringen. Deshalb ist Kommunikation so schwierig für den ADS-ler ( und für mich darin als HS-lerin). Sehr viel hat (noch) keine Worte, ist aber trotzdem wie Ausgesprochenes da, die Zeit reicht nicht, um für alle Bestandteile, die eine Aussage ausmachen, Worte zu finden. Also kann ich mich nicht mitteilen und werde, wenn ich es tue, entweder nicht verstanden, oder was ich herausbringe wird durch Unvollständigkeit gar falsch oder führt zu große Missverständnissen in der Rezeption. Und das alles ist peinlich, entmutigend, einsam…

    B. Ideenführung 04.12.2016
    I.
    Ich bin nicht übermäßig kreativ oder phantasievoll geboren, auch das Denken in Bildern ist möglicherweise nicht angeboren, sondern
    Im Laufe des Weges entwickelt, weil immer wieder das Unfassbare zu fassen ist
    Das Unmögliche möglich sein muss, die Lebensgefahr bezwungen werden muss
    Anfangs schaffen die Intelligenz, die Kräfte des Körpers, scheinbar unendlich viel, sie fangen auf und tricksen
    +
    und auch das Interesse an Dingen und die Begeisterung, die mitbedingt wird durch das besonders intensive Erleben, schafft einen Superfokus, der Geniestreiche vollbringt

    Je länger man das Gewicht tragen kann mit seinen Talenten, weil ich das solange konnte (z.B. die Tatsache, dass Wissen für mich nicht abrufbar ist dadurch ausgleichen zu können, alles immer im Kopf haben), desto schlimmer wird es. wenn es zusammenbricht.

    In all der Zeit, wo ich es tragen konnte, habe ich es versäumt, an den Unzulänglichkeiten zu arbeiten, zu üben mit „normalen“ Mitteln Ordnung zu halten und für mich sehr schwer zu koordinierende alltägliche Handlungsabläufe zu trainieren.
    Was ich dagegen mit der stetigen Erhöhung des Schwierigkeitsgrades lernen musste ( und das trifft mehr oder weniger auf alle ADS-ler zu), ist kreativ zu sein, Dinge von allen Seiten zu betrachten, immer neue Lösungswege suchen, Abkürzungen zu finden, Löcher stopfen zu können, improvisieren lernen, nach außen präsentierbar zu machen, was voller Katsche und geflickter Stellen ist. Nach innen musste ich lernen noch ausgeglichener zu werden, noch mehr Ruhe zu suchen, Bilder zu finden, um die Denk- und Fühl-(HS) Dimensionen aufzufangen. Begeistert zu bleiben, bzw. noch begeisterter zu werden. Immer noch offener, noch unvoreingenommener zu werden, noch toleranter mit mir und anderen zu werden.

    Zur Krux wird hier, wenn man wie ich zu vielseitig interessiert, begabt, begeisterungsfähig und geduldig ist.
    Ich habe dadurch viel Zeit gewonnen/verloren, dass ich sehr vielseitig interessiert bin, eine gute innere Balance habe, bescheiden bin, menschenlieb bin, einen starken Willen und Führungspotential habe , andererseits aber auch häuslich und treu bin und dadurch dass ich ein gutes Selbstbewusstsein besitze ( ich kann mich gut sehen und einschätzen, kenne meine Stärken und Schwächen) habe sowohl Selbstwertgefühl als auch Wertschätzung für andere Menschen, die (weitgehend) unabhängig von Wertungskriterien wie Schönheit oder anderen körperlichen Attributen, Alter, Talent, finanzieller Reichtum und Statussymbolen, Geschlecht, kulturellen Zugehörigkeit ist.
    Bei den Beispielen von Menschen, die als ADS-ler Großes vollbringen konnten ( hier bin ich sehr neidisch und hadere mit mir, dass es/ich mich anders geführt habe/führen musste) ging es deshalb auf, weil sie frühzeitig trotz guter Intelligenz in Vielem gescheitert sind – die ganz bekannten Beispielsmenschen hatten allesamt große Probleme in der Schule- und aufgrund eines einzelnen hervorstechenden besonderen Interesses/Begabung, also nur in einem Bereich entstehenden und hervorragenden Fokussierung, sich die Verfolgung eines „einseitigen“ bzw. auf eine Sache beschränkten Verwirklichungsweges bei Ausklammerung der anderen aufgedrängt hat und durch die Tunnelwirkung/Laserstrahl/Überfokussierung im Zusammenspiel mit Begabung, Interesse und Begeisterung der Erfolg gesichert war.

    Und es ist noch nicht einmal so, dass ich (und andere ADS-ler?) das alles schaffe(n), weil es eben geschafft werden muss.

    Kennen Sie die Geschichte des Vogels, den ein Kaiser sehr liebte, der nicht fliegen konnte und deprimiert war. Der König ließ Künstler, Zauberer, Ärzte, Heiler kommen, niemand konnte helfen. Das versprach der K eine Belohnung für denjenigen der es schaffen würde, den Vogel zum Fliegen zu bringen und glücklich zu machen. Aber niemand schaffte es. Eines Tages kam jemand, ( ein Kind, ein Bettler, natürlich jemand, dem man es am wenigsten zugetraut hätte) ist mit dem Vogel kurz allein, worauf der Vogel glücklich herumflattert. Auf die Frage, wie er das geschafft habe, sagt sie, ganz einfach, ich habe dem Vogel den Ast auf dem er saß abgeschnitten.
    Hierin steckt natürlich ein ganz schlichte Weisheit, eine Methode und Gedankenschritt, der nicht selten hilfreich sein kann.

    So ähnlich wie der Rat „lehne dich an Deine Grenzen und sie werden sich weiten“
    Oder „versuchen kostet nichts“ besonders wenn man „nichts mehr zu verlieren hat“ „learning by doing“ usw. usf.

    Was aber bei dem ADS-lern passieren kann und bei mir im Kleinen immer wieder passiert ist, eben das Unmögliche, das aber möglich sein muss, nicht zu schaffen und immer wieder nicht zu schaffen
    Immer wieder in einer lebensbedrohlichen Situation zu sein, die zu meistern ist.
    Und das „Eigen-Artige“ (Andersartige) ist, dass es sehr oft „zu viel“ ist, man überlebt nicht.

    „Game out“ Immer wieder im Großen und im Kleinen, sehr oft von sich selbst und anderen gar nicht wahrgenommen.
    Wo der Mensch in einem System ist, in dem es keine Entwürfe gibt: man kann das Leben nur einmal leben, da bin ich gezwungen, Entwürfe und Konzepte parallel zu fühlen und zu denken, immer wieder zu sterben, und immer wieder neue Leben zu beginnen.

    Der Mensch lebt in der einen Welt, die mir verschlossen ist, ich komme nicht rein, meine Welt ist ein Computerspiel, bei dem ich nicht weiß, vieviele Leben ich noch habe, bei dem ich nicht ausruhen darf, wenn ich sterbe, und bei dem ich nicht auf Überleben hoffen kann durch Weiterleben.
    Ich darf nicht Sterben, aber ich kann auch nicht Leben.

    Natürlich entwickelt man unter solchen Umständen Phantasie, erwirbt durch Übung (für andere) übernatürlich (scheinende) Fertigkeiten, Ideen, versucht noch konzentrierter, noch besser zu werden. Natürlich träume ich von der Freiheit, von dem Eingang in eine Welt, in der das anders ist, von der Welt in der es nur das eine Leben gibt, in dem die Probleme eindimensional oder vierdimensional ( aber eben nicht millionen-dimensional) in der Wahrnehmung sind, in der ich mich „auf die Reihe“ bringen kann, in der ich auf eine rettende Linie finde.


    3

    ADS verstehen heißt, seine Dimension zu begreifen.
    ADS erkennen bedeutet, sein Labyrinth zu durchschreiten.
    ADS behandeln heißt, Mensch und Umwelt als Einheit sehen.
    Helga Simchen

    „Es gibt kein Trauma, das zu meinem ADS geführt hat, ADS ist mein Trauma!“

    Um diese Erkenntnis haben sich die Gedanken in der vergangenen Nacht gerankt
    Die Intensität und Vielfalt war dergestalt, dass der zwangsläufige Verlust, die Unfähigkeit sie abrufbar zu haben, mich verrückt gemacht hat.
    Aus dem Verstehen haben sich in einer Kaskade von Anwendungen auf die verschiedensten Erlebnisse und Aspekte meines Lebens diese erklärt. Um dann in Worten wieder weg zu sein. Das folgende ist ein Zipfel des Ganzen:

    1) AUSGANGSFESTSTELLUNG:

    ADS ist nicht die Folge einer Beziehungsstörung zwischen den betroffenen Kindern und ihren Eltern, sondern ihre URSACHE, schreibt Frau Simchen.

    2) Ich würde diese Grundgefahr um Folgendes ergänzen wollen.
    Die Beziehung zu den Eltern prägt das ADS Kind, hier spreche ich insbesondere von mir, und als Tendenz kann man es glaube ich verallgemeinern: Das hs-Kind trägt die „Problematiken“ der Eltern aufgrund der HS wie „eigene“ in sich.

    3) Ich würde die Ausgangsaussage um ein weiteres ergänzen wollen:
    Die Talente, Verhaltensregeln und Bewältigungsstrategien, die ADS-Eltern ihren ADS-Kindern durch ihre Erziehung mit auf den Weg geben, sind einerseits eine enorme Hilfestellung, weil die „Andersartigkeit“ in dem Familienverbund eine „Normalität“ ist, (und diese Normalität ist schon eine Mischandersartigkeit), die sich in einer andersartigen Welt bewegt und sich darin integriert. Das gibt Kraft und Ruhe, Identität und ein Gefühl von besonderer Lebendigkeit, einer sehr interessanten und außergewöhnlichen Dynamik, die mir in anderen Familien nicht begegnet ist und von der ich auch immer wieder spüre, dass in der Öffentlichkeit Menschen mit Neugier, Freude, Erstaunen und ein bißchen Neid ob der offensichtlichen Intensität, Inhalt und Liebe schauen, insbesondere wenn wir zu viert sind, aber auch in Zweierkombinationen.
    ….

    4) der Ergänzung der Ausgangsaussage durch Punkt 3 folgt als Kehrseite eine weitere Ergänzung:

    Meine Eltern konnten mir durch ihre Erziehung nicht vermitteln und schon gar nicht vorleben, wie sich „normale“ Kommunikation anfühlt und auch in keinster Weise helfen, diese zu erlernen. Sie haben mir folgende Gefühle in der Kommunikation und für das Zusammenleben in einer Gesellschaft vermittelt:
    Höflichkeit, große (insbesondere bei Besuchen oder Besuchtwerden) Aufregung, Schüchternheit, Rücksichtnahme, Bescheidenheit/Überlegenheit/Minderwertigkeit ( diese Dreiergruppe gehört zwingend zusammen: ersteres folgt aus der Kombination und der Diskrepanz der anderen beiden Aspekte ) …

    5) Die Grundaussage in der etwas extremeren Form besagt: Das ADS, wenn es zu Totalüberforderung führt, ist nicht die Folge eines Traumas, sondern das ADS IST das TRAUMA, dass aus einer langen Serie von unsichtbaren Traumata erwächst.
    Es ist ein fast täglicher Burnout ( wenn man es denn bewusst fühlt), oder ein täglicher Umgang mit ständigen winzigen Burnout-Elementen, die man wahrnimmt und die eine verunsichern, die man aber nicht benennen kann außer durch: ich bin langsam, ich war abgelenkt, mein Gefühl ist plötzlich geschwankt, ich habe Tics, ich finde die Worte nicht, ich wollte etwas sagen, aber jetzt ist der Moment längst vorbei, ich verpasse Termine, ich vergesse so viel, ich bin durcheinander, ich habe Angst, ich fühle mich aggressiv, ich werde depressiv, mein Körper bewegt sich nicht wie er soll, mit meiner Motorik stimmt etwas nicht, ich vertausche Buchstaben, ich kann Dinge nicht sagen, die ich sicher weiß, ich habe solche Sehnsucht, ich fühle mich gefangen, ich bekomme Allergie, wenn ich verliebt bin, ich möchte mir gegen den Kopf schlagen, ich möchte um Hilfe schreien, aber wenn ich es tue, weil ich es nicht mehr aushalte, wird es nicht verstanden. Ich zucke und zittere nach einem echten intensiven Gespräch. Ich falle in Ohnmacht, wenn es zu aufregend wird. Ich fühle mich auch ohne in Ohnmacht zu fallen, oft in kleinen Alltagssituationen ohnmächtig, ich kann mich nicht wehren, ich kann mich nicht erklären, ich muss oft weggehen, um mich zu schützen, ich muss oft allein sein, um aus der Starre zu kommen, ich spüre viele Ebenen, die mich verwirren, wenn ich zu viel unternehme.

    Ein Bild für alle Unternehmungen: der Weg zur Tür, der sichtbar zehn Schritte weit ist, ist für mich hundert Schritte weit, weil sich vor jedem Schritt für mich zehn Hürden befinden, über die ich drüber muss.

    Ich bin jeden Tag auf vielen Ebenen gezwungen, das Langwierige anzugehen, oft, das Unmögliche möglich zu machen. Die Grundfähigkeit, die man als aus dieser Konstitution herauslebender lernen muss von Anfang an wie andere Menschen das Laufen, wie Fische das Schwimmen, ist es, zu Jonglieren, Phantasie zu entwickeln, einen siebten Sinn zu entwickeln, sich blind fortzubewegen phasenweise, sein Bewusstsein zu entwickeln und immer wieder wie ein Phönix aus der Asche aufzustehen, Löcher stopfen, Feuer löschen.

    6) Deshalb ist es eigentlich grundfalsch von dem ADS als von einem “Konzentrationsdefizit“ zu sprechen, oder auch von einer Schwäche „Emotionen zu steuern“ ( Deshalb habe ich mich nie darin erkannt, ich bin in meiner Wahrnehmung sehr viel konzentrierter als andere Menschen, muss und kann Emotionen viel stärker steuern) oder von einer Unfähigkeit „Gefühle“ aufzufangen, und sogar davon, dass ADS-ler nicht spontan sein können, wenn sie es sind, wird von starker Impulsivität gesprochen.
    Dies alles stimmt von einer bestimmten Wahrnehmungsposition ( der Sicht der sichtbaren Ergebnisse?) aus, der des „normal“-denkenden +-fühlenden Menschen, die den Großteil der Gesellschaft und somit des kollektiven Bewusstseins/Wertesystems/Wahrnehmung ausmachen, die natürlich auch in mir stecken. (Und sie stecken nicht nur deshalb in mir, weil das Kollektiv dies vorgibt, sondern, weil der menschliche Verstand, auch meiner, Phänomene nur innerhalb seiner begrenzten Fähigkeiten erfassen kann. Erst wenn ich sie auf diese Linie bringen kann, spreche ich von logischem Verstehen, außerhalb dessen bleibt es bei dem Wissen, dass man nicht mit Worten ausdrücken kann…der ADS-ler weiß Sachen, die er nicht abrufen kann, manchmal sind es Informationen, die man im ganz alltäglichen Leben praktisch benötigt und manchmal sind es Informationen, die anderen Menschen ihr Leben lang verborgen bleiben werden, auch diese sind nur begrenzt abrufbar, für den viel-Wahrnehmenden ist alles erst einmal gleichwertig und schwer voneinander zu trennen, s.u., im Idealfall ist man deshalb viel weniger unvoreingenommen, so fühle ich es bei mir, bei den meisten ADS-lern, die ich kenne, und ich meine, viele zu kennen, ist es im Ergebnis aber häufig umgekehrt, ich kann noch nicht sagen, woran das liegt, obwohl ich eine Ahnung habe.

    In Wirklichkeit, logisch betrachtet, ist gerade das GEGENTEIL der Fall. Ich bin Meisterin in der Steuerung meiner Gefühle. Ich muss es sein, weil ich mich in vielschichtigen Wahrnehmungsebenen bewege: Ich muss Gefühle steuern, die in Sphären, die mir unsichtbar sind, ausgelöst worden, aus Erlebnissen meines (Unter)bewusstseins, an die ich manchmal keine oder je nachdem, wie nah die Wahrnehmungsebene an der Oberfläche des Bewusstseins ist, eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung habe, oder ich habe die gedanklichen Erlebnisse bei vollem Bewusstsein erfahren, kann die Gedanken aber nicht mehr oder erst verzögert abrufen. Für mich ist das Grundgefühl, mit dem ich morgens aufwache, häufig überraschend. Wenn ich einkalkulieren will, dass es mir auf jeden Fall so oder so gehen soll, dann muss ich sehr vorausschauend, untersuchend und steuernd rechtzeitig Vorsorge treffen. Und ich muss improvisieren können für den Fall, dass das Gefühl mir einen Strich durch meinen Tagesplan macht, muss abschätzen, wie ich schnell damit umgehe, damit es sich nicht außerhalb meines Einflussbereichs weiter verselbständigen kann. Natürlich geht das im Großen und Kleinen auch immer wieder schief, aber aus der Vogelperspektive betrachtet, muss die Kraft immer größer sein, wenn man in der Lage bleiben will, einen einfachen Alltag zu meistern.

    Ich muss entscheiden, auf welche Gefühle ich in welcher Weise Einfluss nehmen muss: ich muss in einem komplexen Gebilde aus sich überschneidenden und über überlagernden Schichten, die sich in immer neuen Formen auch verschieben ( wie in dem Lied und dem dazugehörenden Video-Clip von Björk „Emotional Landscapes“) blitzschnell einschätzen, ich muss die Zukunft vorhersagen lernen, ich muss spüren, wie sich aufgrund des bestehenden Kaleidoskopes die Situation entwickeln wird, um zu entscheiden, an welchem Zipfel ich ziehen soll, um die Zukunft mitzubestimmen, um meine Entwicklung mitzubestimmen.

    Alles spielt sich mit viel mehr Variablen und viel schneller ab als in der Wahrnehmung der Menschen, bei denen im Gehirn einige dicke Wahrnehmungsbahnen in dem Bewusstsein automatisch Priorität vor den dünneren Wahrnehmungsmomenten haben, welche sich im Hintergrund halten, ohne die Notwendigkeit einer weiteren Beeinflussung.

    Vielleicht habe ich mich deshalb so lange in den Beschreibungen des ADS, wenn sie mir denn begegnet sind, einfach nicht erkannt. Weil sie eigentlich falsch sind.

    Es ist auch die Rede von „Überfokussierung“, von einem „Laserstrahl“ des Intellektes, wenn das Interesse und die Motivation an einer Sache groß sind. JA, weil es nur dann möglich wird, alles andere „auszublenden“ in der Wahrnehmung. Es ist keine „Über“Fokussierung , es sind die extreme Zuwendung, die besondere Konzentrationsgabe und die teils angeborenen/teils antrainierten Fähigkeiten: komplexes Denken, schnelle Auffassungsgabe, hohes Abstraktionsvermögen usw. (all dies findet sich in meinen Schulzeugnissen aus meiner Kindheit auch genau so formuliert) Es sind Fähigkeiten, die unter „Normalbedingungen“ , also dem Wegfall aller inneren und äußeren ExtremAblenkung (= Normalbedingungen für den normalen Menschen) zutage treten.

    Es ist immer wieder die Rede davon, durch die Reizüberflutung könnten ADS-ler so schwer Unwichtiges von Wichtigem unterscheiden. Auch hier liegt es anders: Wer entscheidet, was wichtig ist? Ich halte mich von Natur aus vorsichtig und so weit es geht unvoreingenommen in meinen Urteilen. Nur, weil die meisten Menschen „weniger“ wahrnehmen, heißt das nicht, dass unter den „unsichtbaren“ Dingen, nicht auch sehr viel „Wichtiges“ ist, dessen Wahrnehmung in der praktischen Evolution des Menschen verkümmert ist, weil es vielleicht in früheren Lebenskontexten nicht gebraucht wurde, oder weil die durchdringenden Aspekte vor Jahrtausenden zum praktischen Überleben wichtig waren, die heute aber zugunsten anderer entbehrlich wären.

    Das alles ist der Verstand des differenziert und viel Wahrnehmenden in der Lage, zu scannen, er muss dabei vielmehr in einem großen Arbeitsprozess „Wichtiges“ von „Unwichtigen“ nach ganz anderen und viel komplexeren Maßstäben selbstverantwortlich trennen.

    Vielleicht liegt an dieser Schnittstelle der Schlüssel für das Auseinandergehen von hypoaktivem ADS ( ich bin alles schuld! Ich muss die Probleme der Welt (=meine) lösen!, ich würde die Welt gern retten und fühle mich schuldig, weil es nicht gelingt!) und hyperaktivem ADS ( die anderen sind an allem schuld, wenn sie einsichtig würden, wären die Probleme der Welt (=meine) gelöst, ich muss sie –ihre Anschauungen- angreifen, ich muss die Welt retten!)

    7) Aufgrund der Ausgangsfeststellung kommt die Autorin (Frau Simchen) in dem Buch „die vielen Gesichter des ADS“ zu der These: die analytische Therapie ist ungünstig bei der Behandlung/Untersuchung des ADS. Ich sage dazu JEIN!
    Folgendes ist richtig: es ist wenig hilfreich, die Ursachen des ADS in bestimmten belastenden Erlebnissen zu suchen, da das ADS die Belastung selbst ist.

    Diese These muss aber beträchtlich modifiziert werden.
    Meiner Ansicht nach ist die logische Folge des ADS-Traumas:
    Die Notwendigkeit bzw. die Hilfe einer Analyse ist nicht aufgehoben, eine solche ist hier nicht ungünstiger, sie wird nur um ein Vielfaches komplizierter und vielschichtiger. Denn: Auch die Person, die vielschichtiger wahrnimmt, steht in Beziehung zu anderen Menschen. Gerade aufgrund des ADS ist die Störung von Beziehungen oder die Verirrungen darin geradezu vorprogrammiert und diese Beziehungsstörungen können sehr wohl psychologische Folgen haben, also zu Störungen führen, deren Ursache dann nicht mehr unmittelbar das ADS selbst ist, sondern der durch das ADS begünstigte Eintritt eines traumatischen weiteren sichtbaren Erlebnisses, das den ADS´ler in gleicher Weise trifft wie einen weniger vielschichtig Wahrnehmenden, bzw. diese Tatsache wird auch wieder verschoben durch die intensivere und vielschichtigere Wahrnehmung der Problematik.

    Der ADS-ler hat einerseits, glaube ich, eine viel größere Fähigkeit, sich selbst zu therapieren ( das Fehlen an einer Stelle ausgleichen durch Zugeben/Ersetzen einer Zutat aus einem anderen Bereich), ist aber andererseits, wenn die Fähigkeit nicht mehr reicht, in einer viel verzweifelteren Situation als der „Normal-Wahrnehmende“.

    Einmal, weil er die Dimension/das Ausmaß seines Problems ganz anders erfasst.

    Hinzu kommt, dass der therapie-hilfs-bedürftige Viel-Wahrnehmer grundsätzlich in der Erfassung seiner Problematik viel weiter ist als der Therapeut und ohne eine übermächtige unmenschliche Anstrengung, durch die er dem T die Parameter der speziell bei ihm vorliegenden ADS und der daraus resultierende Problematik nahebringen muss, die Therapie relativ aussichtslos ist.

    Theoretisch und idealerweise müsste der Hilfesuchende eine Psycho-Analyse schon präsentieren, um den Ausgangspunkt für die Frage-/Hilfestellung zu schaffen.

    8) Das bedeutet aber umgekehrt: Die Analyse erübrigt sich nicht, sie ist nahezu gerade die Vorstufe einer jeden Art der Therapie, also auch der systemischen Therapie.

    Gerade in der systemischen Therapie liegt eine gewisse Chance auf richtige Heilung, an die andere Therapieformen nicht heranreichen können. Denn sie betrachtet jedes System als Ganzes und will es in eine harmonische, ausgeglichene Beziehung zu seiner Umwelt setzen (ist das richtig?).

    Aber auch hier gibt es bedeutende Verschiebungen bei der Herangehensweise, denn mein System besteht faktisch aus vielen Systemen. Dies ist bei allen Menschen der Fall, aber hier sind wir wieder beim Thema Wahrnehmung. Im Regelfall gibt es eine Person mit einer Hauptwahrnehmung, die nebenbei auch durch die dünneren, aber vielfachen, Ströme des Unterbewusstseins beeinflusst wird. Bei mir ist es fast so, als ob es mehrere gleichberechtigte Personen in meiner Person gibt, die miteinander auskommen müssen.
    Ich muss schon deshalb verstärkt verschiedene Systeme in einem System berücksichtigen, weil ich diese wahrnehme und auch wahrnehme, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, sie beeinflussen sich unter negativen Umständen schon deshalb anders, weil die Wahrnehmung in der Überforderung blockiert, Angst macht, und wenn ich die Kontrolle verliere, bin ich ausgeliefert, weil die Dimension so groß ist und zusätzlich weil ich es „nicht gewohnt“ bin, die Kontrolle nicht zu haben – denn, unter günstigen Umständen habe ich ja eine Wahnsinnsintuition und bin in einem magischen Fluss/Gleichgewicht.

    Ich bin also verzweifelt, muss aber, damit mir überhaupt geholfen werden kann, eine große Kontrolle haben, um mich vorstellen zu können und um mein Problem überhaupt greifbar zu machen.

    Da sind wir wieder bei der weitsichtigen und vorsorgenden Gefühlssteuerung.

    Man sucht ja gerade Hilfe, weil man die Kontrolle verloren hat und nicht steuern kann. Ich muss in dem Moment aber noch steuern können, weil sonst Hilfe nicht kommen kann.

    22. November 2016
    Wie sich die Angst anfühlt
    Das Gefühl, dass mir die Angelegenheiten – z.B. Arbeit, Liebesgeschichte, Therapie, Organisatorisches, Privates- und mit den dazugehörigen Gedankenketten und Entwicklungen und Gefühlen und Begegnungsansätzen – entgleiten. Dass ich es nicht zusammenhalten kann. (Die Angst berührt nicht meine Beziehung zu meiner Tochter, zum Glück, hier habe ich keine Angst, außer die, sie zeitweise zu vergessen, bzw., dass sich unser Tagesrhythmus verschiebt, dann entgleitet mir auch die Ruhe).
    Tiefe Erschöpfung.
    In meinem Bauch zieht es, ein seltsames Schwächegefühl darin, mich schwindelt, ich lasse Dinge fallen, manchmal beuge ich mich schief zur Seite, um nicht anzustoßen oder umzufallen.
    Kontrolllosigkeit verbunden mit Traurigkeit und depressiver Desorientiertheit, Sehnsucht nach Schlafen, nach Wind, nach Wasser, das sich über mich ergießt, manchmal ist es fast ein Durstgefühl, und nach Zärtlichkeit. Nach einem liebendem Blick. Nach Zuwendung ohne Redenmüssen, ohne Erklärenmüssen.
    Die Angst führt zu geistiger (manchmal auch körperlicher) Lähmung oder Verzögerung, was wiederum die Umstände potenziert, die Angst produzieren, es schaukelt sich hoch, bzw. ist wie ein Sog.
    Angst vor der Angst.
    Weil ich keinen Einfluss auf sie habe. Sie kommt und sie geht. Und wenn die Depression da ist, dann fühlt es sich so an, als wäre sie da, um zu bleiben, was mir auch logisch scheint, weil ich weiß, woher es kommt, Zeitmangel, und ich die Ursachen nicht beseitigen kann, da alles schon so günstig ist, wie es nur sein kann. Ich will auch nicht zurück, kann es auch gar nicht mehr, z.B. weg von der Arbeit, weil diese mir in der derzeitigen Situation mehr Ruhe gibt, ( an den Tagen, an denen ich so viel schaffe, dass ich gemessen an meinen Maßstäben zufrieden bin) und weil es gut ist, zu wissen, wo ich jeden Tag hingehen muss, und was zu tun ist. Das eigene immer wieder neu Programmieren eines Tages ist demgegenüber viel schwerer, und gerade dann nicht zu empfehlen, wenn ich emotional schon labil bin.
    Die Angst ist unterschwellig immer da, wenn ich mich im normalen Zeitkontinuum befinde, sprich in einem Alltag, in dem ich zeitlich das bewältigen muss, was alle tun. Das liegt in der Natur meiner Konstitution, weil meine Fähigkeiten nie so ganz reichen, bzw. oft zu weit gehen, und ich manchmal wegfliege. An den Tagen, an denen die Angst nicht depressiv ist, kann ich mich mit ihr arrangieren, da ist gleichzeitig eine Art Zuversicht, dass ich das tun möchte, was ich kann, und das es irgendwie reichen muss, einen Schritt nach dem anderen zu tun, wie Beppo der Straßenfeger.
    Aber ich kann diese Zuversicht ( meinen Sie so etwas, wenn Sie von „Vertrauen“ sprechen? Wem soll ich vertrauen? Ihnen? Mir? Oder worein? In meine Fähigkeiten? Die kenne ich. In Wunder? In mein transpersonales Ich? In andere Kräfte von außen?) nicht suchen, es gibt keinen Trick, sie zu finden.
    Der einzige Trick ist, das, was mein Inneres macht, anzunehmen.

    05.12.2016
    LEBEN – LACHEN – LIEBEN
    Leben ist Lachen. Es gibt kein Leben ohne Lachen. Und selbst in die traurigsten Momente schleicht es sich, möchte es sickern.
    Rir pra nao chorar
    Lachen um nicht zu weinen
    Auch das gehört dazu, obwohl es das Gegenteil zu sein scheint.
    Auf die Frage, wie ein hypothetischer Partner sein sollte, sagen viele Menschen, und das ist gar nicht dumm: er muss mich zum Lachen bringen können.
    Es erscheint unwahrscheinlich, dass sich eine Person in eine andere Person verliebt, bevor er sie hat lachen sehen.
    Nicht zu verwechseln: Es heißt nicht, dass man fröhlich sein muss, immer alles heiter sehen muss, und schon gar nicht, wenn man sich nicht danach fühlt. Und es heißt auch nicht, dass man zum Clown werden muss, der einen Witz nach dem anderen reißt.
    Witze sind in aller Regel gar nicht lustig! Und meistens geradezu geschmacklos.
    Aber die Situationskomik, die man in Witzen -für meinen Geschmack meist vergeblich- einzufangen versucht, ist lustig.
    Das Leben ist lustig, wir selbst sind lustig. Das Leben ist lustig sogar oder manchmal gerade dann, wenn es traurig ist, und es ist traurig auch wenn es wunderbar energiegeladen fröhlich ist.
    Wenn ich also mit jemandem über mich selbst, das Leben und über uns lachen kann, ist das etwas sehr Großes.
    Auch wenn ich alleine über mich lache und über andere lachen kann, ist es gut.
    Ein echtes Lachen kann alle Peinlichkeit, alle Kommunikationslosigkeit, alle Ausweglosigkeit aufheben.

    22.11.2016
    Fortsetzung des Textes Angst
    „Der einzige Trick ist, das, was mein Inneres macht, anzunehmen….“

    …Annehmen, was Inneres macht.
    Aufhören zu Kämpfen
    Aufgeben

    Befreiung
    Ja
    Aber im Fallenlassen ist Leicht-Sinn keine Option
    Kein Raum für Leichtsinn oder Resignation
    Fallen ist SCHWER
    Fallen ist Verantwortung

    Das Loslassen ist kein Ausruhen
    Es ist ein Annehmen in dem Bewusstsein der Gefahr
    Es ist ins Feuer gehen
    Mit Wachsamkeit
    Konzentration
    Und Kampfgeist

    Der Monsterhaftigkeit und dem Licht entgegen
    Der Weg ist unsichtbar und kompliziert
    „De noche iremos de noche, que para encontrar la fuente
    Solo la Sed nos alumbra, solo la Sed nos alumbra.“
    (Wir werden im Dunkeln wandern
    Um die Quelle zu finden
    Nur der Durst leuchtet uns, nur der Durst leuchtet uns. Taizé-Gesang)

    Manchmal große Angst
    Manchmal unüberwindbare Grenzen
    Kontrollverlust im Fallen
    Um es zu schaffen, um zu überleben
    Um aus dem Kampf lebend hervorzugehen
    Um dem zu begegnen, was mich befreien und leben lassen kann

    Ist ein WUNDER nötig

    Aber ich bin es, die das Wunder möglich machen muss
    Sonst wird es kommen, aber es wird mir nichts nützen

    Bisher habe ich schon viele Wunder erlebt, und zwei absolute Wunder
    Und jedes hat mir immer genützt, ein Stück weit.
    Und die absoluten haben alles gebracht, und immer den Tod und in dem Überleben das Grauen, eine lange Konvaleszenz und dann war ich auch ein Stückchen weiter.
    So viel Zeit habe ich nicht mehr, und, noch wichtiger, so viel Kraft habe ich nicht mehr.
    Ich brauche es, dass es als Ganzes kommt und dass ich es ganz zu nehmen in der Lage sein werde!

    Ich muss das Wunder möglich machen
    1 durch Bewusstseinserweiterung
    mein Bewusstsein ist schon sehr weit und so weit wie es kann, es ist an seinen Grenzen und ich muss eher aufpassen, dass ich nicht immer zu weit darin gehe

    ich muss es schaffen, eine Bewusstseinserweiterung auch bei anderen in meine Richtung anzustoßen

    2 ein Netz bauen
    durch Kontinuität und Training
    a) Menschen, zu denen ich gehen kann, wo Wärme ist auch ohne Verstehen, stattdessen Nachsicht und Geduld und Wohlwollen
    b) Äußere Hilfsmittel hinzunehmen
    – Ernährung ( ausprobieren, z.B kinesiologisch austesten)
    – Medikamente
    Ritalin, weiter ausprobieren, Dosis erhöhen oder regulieren
    Antidepressivum, das Serotonin-Mangel(Ungleichgewicht) ausgleicht, ausprobieren
    Oder vielleicht zuerst Einsatz von Adaptogenen, Bezugsmöglichkeit der pflanzlichen Heilmittel eroieren
    – Machbare Aufgaben gleichmäßig beibehalten
    Regelmäßigkeit darin, die Weitermachen zur Not auch ohne Nachdenken auch auf Autopilot ermöglichen, ohne dass die Erfolge des Arbeitskonstruktes einstürzen können.
    c) Brauche einen Menschen, in den ich tauchen kann, wenn ich nicht bin, weil ich falle, seinen Rhythmus spüren, durch seine Augen sehen, seinen Körper spüren, zeitweise getragen werden

    Hierin liegt Rettung,

    aber leider ACHTUNG!
    hierin kann sich eine noch größere Gefahr realisieren: Mich darin für immer verlieren
    immer darin verbleiben zu wollen
    = Sterben wollen

    Erst, wenn ich so stark bin
    Und so KLAR
    Mich nicht in der Liebe zu verlieren
    Und mir so klare Konturen geben kann
    Dass die geliebte Person mich sehen kann
    Wenn ich meine Unterschiede so vermitteln kann,
    dass ich mit dem anderen eine weitgehend unmissverständliche „Sprache“ finden kann
    dann wird der Raum für das Wunder offen sein
    vorher kann das Wunder nicht greifen. Es ist dann Himmel und gleichzeitig Tod.

    Ich brauche, ich muss mich dazu befähigen, dass ich aus dem Wunder L E B E N machen kann.

    Und um dahin zu gelangen, den Raum für dieses Wunder zu öffnen, braucht es auch ein
    W U N D E R.

    Immer weiter Suchen. Immer weiter Finden.
    Immer weiter den Weg der eigenen Ent-Wicklung gehen.


    Das Einfügen der Bilder klappt leider nicht.

    Alles Gute und liebe Grüße allen Lesern
    von Jenny

    1. Jenni, DU bist wirklich der Hammer!!!! Du Schreibst mir so aus der Seele…… Ein wirklich gaaaaaanz toller bewegender Text!!! Werde ihn sicher noch vielen Menschen zum lesen geben um mich zu verstehen… Ich bekomm das einfach nicht so kompakt :) hin.. Vielen Dank für diese Mühe!!!!! Danke!!!! Von HERZEN!!!!! NINA

  15. Hallo Frau Boekhoff,
    grade eben habe ich den Eingangsartikel gelesen und ich muss heulen, wie schon seid, weiß gar nicht wie lang. Ich kämpfe gerade mit Depression die ich mir „angearbeitet“ habe (und meiner Umgebung), aber ich komme nicht wirklich auf die Beine. In irgendeiner meiner Therapie-Sitzungen ist ein mal das Schlagwort „ADS im Erwachsenenalter“ gefallen und wurde nie mehr erwähnt. Ich bin jetzt in einer Arbeitserprobungmaßnahme und mit ADHS Mitschülern zusammengekommen. Ich erinnere mich an „die“ Therapiestunde, kurze Recherche, Ihr Artikel und booom.
    Auf ein mal scheint es Gründe dafür zu geben was ich fühle und was meine Alltagsprobleme sind. Mir ist immer noch nach heulen zumute, bin ganz schön aufgelöst, was nun?…

    1. Hallo Thommy,
      Sie fragen „was nun?“. Wenn Sie sich in dem Thema ADHS so wiederfinden, dann machen Sie sich auf den Weg, sich damit zu beschäftigen. Lesen Sie auf meinem Blog, holen Sie sich meine Videokurse, kommen Sie in den Schmetterling-Club. Es gibt Unterstützung und Aussicht auf Veränderung.
      Und bei vielen meiner Klienten verringert sich oder verschwindet die Depressivität, wenn sie anfangen, zu verstehen, wer sie sind, sich selbst anzunehmen und das Leben so zu gestalten, wie es zu ihnen passt.
      Herzliche Grüße,
      Birgit Boekhoff

  16. Das ist wirklich erstaunlich, der Beitrag (und viele andere Beiträge auch) trifft mich genau ins Mark! Auch ich bin Mitte 40, beschäftige mich aber erst seit kurzem mit dem Thema, gehöre allerdings zu den Langsamen. Ich erkenne erst jetzt, was mich die ganze Zeit so anstrengt, habe das immer auf äußere Umstände oder Ereignisse geschoben. Ich habe mich immer extrem angepasst. Privat und bei der Arbeit. Jobs habe ich gewechselt, wenn ich nicht mehr konnte. Freunde kann bzw. will ich nicht wechseln, aber ich merke immer öfter, wenn ich mich nicht anpasse funktioniert es nicht. Das macht mich sehr traurig, weil ich habe keine Kraft mehr. Ich hätte gerne einen Schalter zum umlegen, weil ich nerve mich oft selbst. Aber vielleicht lerne ich hier mich anzunehmen wie ich bin… Leider habe ich jetzt keine aufmunternden Sätze für euch. Hoffe das kommt noch!

  17. Als ich ein Kind war, hat mir die Botschaft „Streng dich mehr an“ wirklich sehr weh getan. In dem Blog habe ich mich wiedergefunden und mir wurde das nicht nur eingeredet, sondern ich wurde auch mit Strafen und Schläge dahingehend erzogen.

    Nach meinem mehrjährigen „Komplettausfall“ nach dem Abi (ich habe keinen blassen Schimmer wie ich das Abi geschafft habe) habe ich trotzdem angefangen mich noch mehr anzustrengen, professionelle Hilfe anzunehmen und an bzw. mit mir zu arbeiten.

    Heute trifft mich am Schmerzhaftesten der Vorwurf „Du bist zu sensibel“ – obwohl ich diese Sensibilität inzwischen „eigentlich“ als Geschenk empfinde. Vielleicht deswegen, weil es sehr schwer ist damit zu leben extrem sensibel zu sein. Oder sagen wir so, für die anderen Menschen ist es ein Problem wenn sie mit Gefühlen konfrontiert werden. Und manche reagieren scheinbar aus Hilflosigkeit mit Vorwurf und Aggressivität. Die Beherrschung von Gefühlen kostet Unmengen an Kraft und selbst dann ist man für andere Menschen schon untragbar.

    Mir ist gerade beim Schreiben ein interessanter Gedanke gekommen. Schön wäre, wenn man dem Vorwurf so begegnen könnte:
    „Ja, das ist wunderbar!! Kannst DU damit etwa nicht umgehen?“
    Oder so ähnlich =)

    Lieben Gruß, Carina

    1. Hallo Carina,
      ja, das ist ein guter Gedanke. Was wäre, wenn Sie (und alle anderen, die dieser Satz betrifft) den Satz „du bist zu sensibel“ nicht als Vorwurf auffassen, sondern als Tatsache, dazu stehen und dann antworten „Ja, das stimmt, ich bin sehr sensibel.“ Ohne eine Wertung oder Verteidigung.
      Wenn wir unser Sein für uns selbst annehmen, dann können wir auch dazu stehen. Ja, ich bin sensbiler als andere Menschen. Na und?
      :-)
      Herzliche Grüße
      Birgit Boekhoff

  18. Ein wunderbarer Artikel! Der erste Arzt, der mir gegenueber anerkannt hatte, wie sehr man sich mit ADHS anstrengt, war ein wunderbarer Psychoanalytiker aus Frankfurt…Wahrlich kathartische Gefuehle löste das aus…Heilsam…

    1. Ach seufz…… so geht es doch wohl fast allen Betroffenen. Ich muss mir dauernd von meiner Chefin anhören, ich sollte zusehen wie ich mich „noch besser organisieren“ kann“ und noch besser und noch besser….- ich organisiere mich noch eines Tages zu Tode! :-/ Und egal wie sehr ich mich anstrenge, irgendwas vergesse ich immer, und dann kommt sie mit ihrer doofen To-do-Liste, die ich täglich führen soll und kriegt einen Fön, weil ich einfach ab und zu in Zeitfalten falle und bis zu 15 Minuten zu spät da bin (was gar keinem schadet, denn ich bleibe dafür ja auch länger und verpasse nix) oder weil ich mal vergesse den Aktenschrank abzuschließen oder den Rechner runter zu fahren…. – keiner sieht wie sehr man sich den ganzen Tag anstrengen muss, damit das NICHT passiert! Die Kolleginnen verstehen das auch nicht, obwohl alle Sozialarbeiterinnen sind…
      Sie haben mir Checklisten geschrieben und keine begreift, dass es Tage gibt an denen man als ADSler einfach vergißt auf die Checkliste zu gucken :-/
      Was ich mir deshalb wünsche ist ein weniger langer Text, sondern eine Professionelle Kurz-Information in gut lesbarer Schrift auf maximal einem (!) DIA-4 -Blatt, die den Kollegen (und vor allem Vorrgesetzten!) erklärt, dass Menschen mit ADHS sich so sehr sie sich auch anstrengen einfach IMMER irgendwas vergessen, liegen lassen und sich das nie ändern wird und das eben nicht so ist, weil ihnen alles egal ist! Im Gegenzug dafür mögen sie doch bemerkt haben, dass Betroffene meist fachlich versierter sind als die Kollegen, weil sie schon früh gelernt haben, dass sie in ihren Leistungen und ihrem Wissen einfach besser sein müssen als andere, damit sie ob Ihrer Schwächen am Arbeitsmarkt überhaupt bestehen können. Von einem Einbeinigen würden sie nie einen Hindernislauf verlangen :-/ aber es mangelt ihnen einfach an Vorstellungskraft dafür dass ein intelligenter Schnelldenker gleichzeitig soooo vergesslich und flüchtig sein kann.

  19. Ihr lieben Menschen!!!
    Es tut so gut, von euch zu lesen. Gleichgesinnte. Ähnliche Erfahrungen. Danke!!!
    Mir hilft bei dem Gefühl von Überforderung seit langem folgender Satz:

    „Ich gebe mein Bestes, und das genügt.“

    Oft arbeite ich auch mit dem Satzanfang: „Es ist okay, dass…“ (z.B. Es ist okay, dass ich mich heute überhaupt nicht aufraffen kann und nur im Bett liege. Ich brauche eben eine Pause. oder: Es ist okay, dass das Geschirr in der Küche seit 5 Tagen nicht gespült ist. Ich hatte andere, wichtigere Dinge im Kopf. usw.).

    Wenn ich eine Routineaufgabe erledigen möchte, wie Aufräumen, Spülen, Ausmisten, Putzen usw. oder größere Projekte, wo kein Ende in Sicht ist, hilft mir der Gedanke: „Mit kleinen Schritten gehe ich voran. Stück für Stück.“ oder auch „Schritt – Atemzug – Besenstrich“. Das erdet mich.

    Am Schlimmsten ist doch die Selbstüberforderung durch unrealistische Ansprüche. Es ist unrealistisch wenn wir denken, wir könnten das Leben der Anderen leben. Das Leben der Nachbarn, der Freunde und Bekannten ohne ADHS. Jeder lebt eben sein eigenes Leben. Wir können täglich üben uns selbst zu lieben so wie wir sind. Wir dürfen uns lieben und gut zu uns sein. Auch dann wenn andere uns nicht verstehen können. Wir sind nicht faul. Wir strengen uns an. Mit kleinen Schritten Tag für Tag.
    Wir geben unser Bestes, so wie wir sind, und das genügt.

  20. MIr (46 Jahre alt) ging’s und geht’s auch wie den Betroffenen, die hier geschrieben haben.

    Bei mir hieß der Satz, den ich als Kind immer zu hörne bekam: Jetzt mach doch mal. Jetzt setz‘ dich doch mal hin und fang endlich an.
    Seit zehn Jahren habe ich eine feste Stelle bei einer Forschungseinrichtung. Of tbin ich mit meine Aufgaben deutlich in Verzug oder schaffe sie nicht. Seither höre ich ständig: Mach doch einfach. (Das ist der schlimmste Satz. Als ob es so einfach wär.)
    Streng dich mehr an.
    Setzt dich einfach hin und fang an.

    Aber mein Gehirn hat da so seine eigenen Vorstellungen.

  21. Es gab Zeiten, in denen wollte ich tot sein, weil ich so bin wie ich bin.
    DISIPLIN – wurde auch mir ständig vorgehalten, ist, was mir angeblich fehlt. Dabei strenge ich mich auch so an – ständig – den ganzen Tag, viel zu viel, und bräuchte dabei mehr bewußte Pausen, doch ich habe nicht gelernt, wie das geht, Pausen machen.
    „Aus Dir wird sowieso mal nichts“ habe ich als Kind von meinem Vater oft gehört, er meinte es vielleicht nicht so, doch es traf mich gewaltig – bis heute.
    Ich bin jetzt 51 Jahre alt und habe letztes Jahr in Bremen die ADHS Diagnose bekommen – wußte es schon lange. Viele können damit immer noch wenig anfangen, weil gerne viele Schwierigkeiten – besonders mit Kindern – in diese noch für die meisten wenig greifbare Schublade gesteckt werden, um eine Erklärung zu finden.
    Dabei brauchen Kinder mit AD(H)S einfach nur ganz viel Liebe, Aufmerksamkeit und Angenommen sein, so wie sie sind….und die Aufgaben, die zu Ihnen passen – und Zeit für sich! Und ab da könnten meiner Meinung nach viele Medikamente weg bleiben.
    Aber das ist eben unbequem – und anstrengend für Eltern, die vielleicht ihren Alltag und den der Kinder anders haben wollen.

    DANKE für diese tolle Plattform, liebe Birgit Boekhoff, für mich sind Sie ein Engel!

    Ich möchte allen „ADHS“lern von ganzem Herzen Mut machen, uns so zu lieben und anzunehmen, wie wir sind, unsere Schwierigkeiten mit Humor an die Hand zu nehmen und das Glück zu sehen, dass wir immer wieder intensiv spüren und verbreiten dürfen. Wo viel Schatten, da auch viel Licht! Diese schönen Kontraste, die wir in´s Leben auch der „anderen“ bringen, sind schöne und wichtige Bereicherung zu all dem vielen Grau!

    Lasst Euer Licht scheinen! ; ))

  22. So weit ich zurückdenken kann, war mein Vater stets der Perfektionist, was er mir auch täglich „eintrichterte“ und massiv einprügelte…..ich mußte immer ein Vorzeige-Kind sein (Konservatorium ab dem ca. 5ten Lebensjahr u.s.w. ….riesen Talent…..Privat-Klavier-Lehrer…weiterer Drill…). Ich wurde, fällt mir grad so nebenbei ein, auf dem Weg zur Schule (in Begleitung meines Vaters), mal fast von nem VW-Bus überfahren (Hampelei an der Straße)….mein Vater war stink-sauer….redete keinen Ton, Zornesröte, Rückkehr nach hause….auf dem Weg dort hin, bettelte ich ihn heulend an, mir nichts zu tun….aber, wie immer, ich wurde so heftig und so lange verprügelt, bis ich am Boden lag und nicht mehr „kriechen“ konnte…inmitten meiner „Angst-Pippie“….bis zu meinem 16ten Lebensjahr ging das so….dann entlud sich meine Wut und ICH ging auf IHN los!!! Damit war das Thema dann durch….!!!! Bis vor ca. 3 Jahren war ich das „ober-kontrollierte Wesen“, das z.B. ALLE Tics „deckelte“ und es haßte, wenn diese oder jene Merkmale bei meinen 3 Jungs (alle ADHS….allerdings Waisenknaben, im Vergleich zu mir :-) ) zu erkennen/zu sehen waren. Mein jetziger Freund (seit 4 Jahren), hat mich dann, Stück für Stück, in monatelanger „Mörder-Arbeit“, auf MEINEN eigentlichen „Normal-Zustand“ gebracht!! Er hat sich IMMER auf meine Tics eingestellt…. (meine Kumpel „ziehen“ übrigens alle mit :-)!…die Ärmsten…) Durch meinen Freund habe ich Dinge/Vorgänge endlich verstanden (z.B. das „Lesen“ des Kompasses), was mein Vater immer versuchte, mir x Male einzuprügeln! Mit 45 Jahren löste ich meine ERSTE Minus-Aufgabe RICHTIG (Mathe-Legastheniker)! Mein Freund freut sich, mit mir zusammen, über jeden kleinen Schritt vorwärts….wir haben mindestens schon 1000 Liter Freuden-Tränen vergossen….Mein Freund ist ein Engel, der zu mir geschickt wurde, sage ich immer…ich glaub, das kann sich niemand vorstellen, wie „FREI“ ich JETZT bin!!!! Diese Freiheit hat meinen Freund nicht nur 30 kg an Gewicht gekostet, auch unzählige Nerven….und ich hab, noch längst nicht, ALLES im Griff……deshalb und weil ich mich ganz oft selber total annerve (Dauer-Sucherei nach ALLEM irgendwie….verbale, mir völlig unbewußte, Entgleisungen („Seelen-Hackeklotz“) gegenüber meinem Freund z.B. …..er ist 10 Jahre jünger, aber ich werde ihn, ganz locker-flockig, überleben, wenn ich mein Verhalten teilweise, nicht ENDLICH „auf Reihe“ bekomme! Es nervt mich! Ich nerve mich selber!!!! Ich hatte erst gedacht, weil ich so viele Dinge, mit ganz viel Hilfe, Zeit und Liebe meines Freundes, zum Positiven „gedreht“ habe, daß ich quasi den „Rest“ auch noch „wuppe“, aber…..ne…..deshalb: Coaching!!!! Jetzt oder nie!!!! Also: JETZT!!!! LG

  23. Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen.

    Ich konnte, mal wieder, einen neuen Aspekt im Zusammenhang mit ADS entdecken. Die Wißbegierigkeit, die Neugierde, das Interesse an Allem und Jeden und das Hinterfragen aller Dinge, um alles zu verstehen, das Betrachten von allen Seiten . Jetzt verstehe ich, dass viele das nicht nachvollziehen können. Oft höre ich: „hinterfrag doch nicht immer alles, nimm doch einfach mal was hin“. Ich habe mich oft gefragt, was falsch daran ist – und warum nicht jeder das Bedürfnis hat alles verstehen zu wollen.

    Bezüglich der unermeßlichen Anstrengung den Alltag zu bewältigen habe ich den Versuch gemacht mich bei meinem Chef zu outen mit dem Ziel, dass er versteht, dass vieles für mich dadurch einfach anstrengender ist. Die Frage ist, KANN das überhaupt jemand verstehen, der nicht selbst betroffen ist???? Mehr Verständis in Streßsituationen hat es mir auf jeden Fall nicht gebracht.

    Je älter ich werde (oder je mehr Erfahrungen ich mache?/oder je mehr unverarbeitete Emotionen sich ansammeln? ), umso schneller machen meine Nerven schlapp. Ich kann nicht mehr so gut kompensieren, ich kann eigentlich gar nicht mehr. Der Arzt schreibt einen sofort krank (anstatt einfach nur mit dem Finger zu schnippen und alles ist wieder gut). Krank will ich nicht sein. Ich muss doch arbeiten. So werde ich meinem Leistungsanspruch nicht gerecht. Und je länger ich krank geschrieben bin, desto schwerer fällt der Weg wieder zur Arbeit hin. Unendlich schwer. Da braucht es wohl mal wieder einen neuen Job ;) ….

    Danke für den Raum sich mal ein bißchen frei zu schreiben. Ich wünsche allen ein locker-leichtes Leben in Gelassenheit. LG

  24. Hallo Ihr Lieben !
    Ich habe meine Diagnose (vor ca.20 Jahren) im Rahmen der Testungen meiner Söhne bekommen.
    An dieser Stelle habe ich nur einen Tipp: Je älter man bei der Diagnose bzw. dem Verdacht auf ADHS ist, um so intensiver sollte man überlegen, ob man wirklich in einer Therapie alte Wunden aufreissen sollte.
    Ich persönlich halte Selbsthilfegruppen und eventuell auch ein Coaching, für viel sinnvoller. Es geht doch -wie heute überall angepriesen- ums HIER und JETZT !
    Wir sind doch erwachsen und haben uns schon jahrelang mit unseren „Problemen“ arangiert.Jetzt brauchen wir doch „nur noch“ praktischhe Tipps“.

    Ich wünsch Euch Allen viel Erfolg!
    Marlene

    1. Hallo Marlene,
      danke für Ihren ermutigenden Kommentar. Das Hier und Jetzt ist wichtig. Denn im Hier und Jetzt entscheidet sich unsere Zukunft. Wir können jeden Tag etwas anders machen als am Tag zuvor, sodass dann unsere Zukunft anders wird als unsere Vergangenheit.
      Herzliche Grüße
      Birgit Boekhoff

  25. Ich bin sehr intelligent und sehr lernfreudig und begeisterungsfreudig und besitze eine gute Auffassungsgabe und das war während meiner Schulzeit mein Glück: Entweder ich war in der Lage zu hyperfokussieren oder aber ich bekam trotz allem rundum immer noch genügend mit um locker mitzuhalten. Natürlich war auswendig lernen völlig unmöglich, bis heute kann ich mir hauptsächlich die unnötigen Informationen merken, z.B. wie meine Lernkärtchen aussehen (Papierbeschaffenheit, wo ich stärker mit dem Stift aufgekommen bin, Kleckse, Farbe, wie viel Text). Aber mit abgespeicherten Zusammenhängen und viel Phantasie habe ich es ausser in den Fremdsprachen überall geschafft mich durchzumogeln.
    Und trotzdem habe ich diesen Satz vonwegen Anstrengen häufig gehört und er hat mich fast noch mehr verletzt, weil er oft nicht meine Leistung sondern meine Persönlichkeit betraf. Dass ich anders bin ist mir schon früh aufgefallen und den Pädagogen vielleicht noch etwas früher, schon im Kindergarten musste ich feststellen, dass ich mit meinem Verhalten nicht genüge. Immer wieder hiess es, dass mein Verhalten nicht altersentsprechend ist und spätestens ab meiner Teeniezeit hörte ich oft, dass ich mich halt anstrengen muss, dass ich erwachsen werden muss, dass ich mich anpassen muss. Das zog sich durch bis ins junge Erwachsenenalter und wurde eigentlich immer schlimmer, weil immer mehr auffiel, wie anders ich tatsächlich bin (ich hüpfe statt zu gehen, ich spiele den Clown, ich bin chaotisch, ich kann nicht stundenlang stillsitzen, ich träume herum, ich tue was mir gerade einfällt und das sofort). Das grösste Problem ist wohl meine Emotionalität bzw. dass ich meine Emotionen nicht besonders gut regulieren kann und wenn ich erschöpft oder unter Hochspannung bin erst recht nicht.
    Als die Diagnose ADHS kam, waren meine Eltern und ich doch ziemlich erleichtert, weil es einfach total viel erklärt hat. Wie es dazu kam? Ausserhalb des geschützen Rahmens der Schule war ich mit dem Leben und den Anforderungen an eine erwachsene Person völlig überfordert und der Arbeitsalltag hat mich so gelangweilt (total eintönig) und gleichzeitig überfordert (ich war so abgelenkt und unkonzentriert und machte ständig Flüchtigkeitsfehler und wurde ständig gescholten), dass ich fast permanent unter Hochspannung litt und eigentlich am liebsten davon gelaufen oder gestorben wäre.
    Inzwischen habe ich einen anderen Job, an dem ich meine Kreativität ausleben kann und den Tagesablauf weitgehend selbstständig und spontan gestalten kann (ich muss nur selten etwas, dass ich nicht will) – jetzt macht mir Arbeiten auch oft Spass und ich bin echt gut darin. Trotzdem genüge ich auch jetzt noch oft den Anforderungen der Welt an junge Erwachsene nicht (Gleichaltrige, Arbeit, Alltag), gerade wenn es um meine Persönlichkeit und mein Verhalten geht, dabei gebe ich bereits mein Bestes, mehr kann ich nicht.
    Dabei finde ich mich eigentlich ganz liebenswert, gerade durch mein Anderssein habe ich auch viele echt tolle Eigenschaften an denen ich Freude habe. Und zum Glück habe ich einige echt coole Freunde gefunden, die finden, dass ich es wert bin über meine Schwächen hinwegzusehen und mich so gern zu haben, wie ich bin. Auch wenn es für sie echt nicht immer einfach ist und ich sie (und damit umso mehr auch mich) oft zu Verzweiflung bringe. Weil ich weiss, wie schwer es manchmal ist, mich zu ertragen, bin ich nur umso glücklicher über die Beziehungen, die sogar ich nicht kaputt kriege.

    1. Liebe Lili,
      das hat sich genauso wie meine Geschichte gelesen.
      Was für einen Job hast du gefunden in dem du quasi so sein kannst wie du es brauchst?
      Ich suche noch und bin schon völlig am Verzweifeln…
      Liebe Grüße Sandra

      P.S.: ich bin 48 Jahre alt und habe meine endgültige Diagnose leider erst seit letztem Jahr. Klar war mir das schon länger, aber es hatte eben noch keinen Namen.

      1. Ich habe den wohl ungewöhnlichsten Job abgekriegt, den ein ADHSler bekommen kann und es ist allen inklusive mir immer wieder ein Rätsel weshalb ich ihn dennoch so gut hinbekomme. Ich arbeite nach einem Praktikum, in dem ich alle überzeugt habe, als Sozialpädagogin i.A. in einem Kinderheim. Und ich liebe diesen Job, weil ich jedes einzelne meiner Kids von Herzen lieben kann. Dass ich weiss, wie es ist anders zu sein, hilft mir hier enorm die Kinder zu verstehen und ihnen das Gefühl zu geben trotz oder gerade wegen dem wertvoll und liebenswert zu sein. Dass ich nicht ganz so erwachsen bin, wie ich sein sollte, hilft mir gerade das Vertrauen derer zu gewinnen, die Erwachsenen nicht vertrauen. Meine Kreativität hilft mir in schwierigen Situationen Auswege zu finden, auf die andere nie kommen würden. Ich habe immer irgendeine Idee um die Kinder zu beschäftigen und kann die tollsten Geschichten oder Lieder erfinden. Mein Gerechtigkeitssinn hält meine Impulsivität den Kindern gegenüber völlig in Schach. Ich bin mit Kindern der geduldigste Mensch auf Erden und ich habe keine Ahnung weshalb. Schon als Kind habe ich nie einem Schwächeren Leid zugefügt, im Gegenteil, ich habe mich hingestellt und die Schwächeren verteidigt. Das mache ich heute noch, ich bekämpfe das Leid, das Kindern angetan wird und ich verteidige sie und stehe für sie ein. Ich weiss, dass das nicht für jeden etwas ist und dass vermutlich viele ADHSler in meinem Job mehr Verwirrung stiften würden als den Kindern Sicherheit zu geben. Aber bei mir funktioniert es einfach irgendwie, keine Ahnung.

    2. Ich habe das gerade gelesen, musste schön schmunzeln…fühle mich davon so angesprochen. Auch ich konnte und kann mir beim Lernen hauptsächlich die „unwichtigen“ Dinge merken. Die Länge eines Textes, auf welcher Seite der steht, welches Papier, die Schriftart…etc. Es fällt mir so schwer zu telefonieren. Ich habe immer das Gefühl die Hälfte zu verpassen. Schreiben ist so viel besser oder Face to Face. Ich brauche das Gesicht dazu, die Mimik, die ich lesen kann wie andere ein Buch. Ich spüre feine Nuancen in Stimmungen, nehme das alles wahr und bin deshalb bei mehr als vier Menschen an einem Tisch nicht mehr in der Lage einem Gespräch zu folgen. Ich schaffe es nicht alle Reize unter einen Hut zu bekommen und muss mich wahnsinnig anstrengen um einer Person unter den vielen mein Ohr zu leihen. Andererseits kann ich mich aber unter tausenden von Menschen „wegbeamen“. Ich höre nur noch Musik und tanze, auf Festivals zum Beispiel. Da schaffe ich es mich mit der Musik zu vereinigen und bin ganz bei mir, höre die anderen nicht mehr. Ich bin recht intelligent und habe wohl deshalb Abi und Studium ohne großen Lernaufwand geschafft. Meine Eltern sagen noch heute „jetzt überleg mal du hättest dich angestrengt, wie gut du gewesen wärst“. Ich habe das Abi gerade so geschafft. Es war mir aber egal. Ich bin nicht wirklich zukunftsorientiert. Mir ist es wichtiger jetzt im Moment glücklich zu sein…was später sein wird kann ich mir kaum vorstellen. Das verstehen die meisten nicht. Für sie sieht es wohl aus als sei ich gleichgültig und unmotiviert.
      Ich schaffe es auch nicht den Haushalt zu erledigen. Das ist für mich so unwichtig…ich bemerke erst dass ich wieder waschen sollte, wenn ich keine Unterwäsche mehr habe. So in der Art ;)
      Statt dessen gehen mir tausend Gedanken im Kopf herum. Ich hinterfrage alles…ich will alles was mich interessiert genau wissen, ganz genau. Ich recherchiere stundenlang, tauche tief in die Materie ein. Ich kann mich locker mit meiner Freundin (Medizinerin) über Fachthemen aus der Medizin unterhalten, weil ich so interessiert daran bin, auch als nicht-Ärztin. Nur als ein Beispiel… Andererseits schaffe ich es nicht, den Müll raus zu bringen bevor er zu stinken beginnt. Ich denke ich bin auch ungeeignet mit jemandem zusammen zu leben. Ich bin verheiratet, habe zwei tolle Kinder…und werde jetzt in eine eigene Wohnung ziehen, weil ich so viel Ruhe brauche und weil ich mit meinen Eigenheiten immer Unordnung fabriziere. Mein Mann legt so viel Wert auf Sicherheit, auf das Durchdenken aller Eventualitäten. ..und ich bin impulsiv, mache sofort, aus dem Bauch heraus.
      Ich bin 38, habe keine Diagnose. Aber fühle mich so dermaßen angesprochen :)

  26. oh Gott! Hier bin ich wohl unter meines gleichen! Bin heut 43. Vor etwa 20 Jahren stellte mein Hausartzt ADHS und eine IQ von 136 bei mir fest. Von da an wusste ich was mit mir mein ganzes Leben lang nicht gestimmt hat. Warum ich anderes Denke, Fühle und aggiere als andere menschen. Nun ja. ich musste schon als Kindergartenkind mit meinen Andersartigkeit umgehen lernen. Schon damals ist es mir aufgefallen dass irgendwas nicht so ist wie bei den anderen. sei es drumm! Das Leben ist für uns leicht bekloppten, lebensfrohen, für jeden Späßchen zu habenden hyperaktiven kann sooo schön sein wenn man drauf pfeipft was den anderen, also den normalos nicht passt an meinen Verhalten. Wenn die nicht in meine Tempo Denken und arbeiten können, ist doch nicht mein Problem! Ich habe gelernt ein dickes Fell anzulegen. mann besser gesagt, frau ist do so allein in der Welt. Also gilt, friss oder stirb.. Freunde zu finden ist nachezu unmöglich. denn gleichgesinnte gesellen sih gern… Doch woher nehmen? Heute bin ich in der glückliche Lage echte Freunde zu haben, mit denen ich auf der gleiche geistige Ebenene kommunizieren kann. Es sind nur eine Handvoll Meschen, doch sie sind alle meine echte Freunde, mein Lieblingsmenschen ;) . Und meine ADHS kommt mir auch zu gute bei der Erziehung meine beiden Kinder. Beide sind Hochbegabt, ihren intrinsische Motivation ist unersättlich, sind lebensfroh und volle Tatendrang. Ich weiss, wie sie denken und fühlen, was sie beschäftigt und kann sie in ihren Entwicklung gut unterstützen. Auch bei meine Erkrankung mit der Arthrose in der Wirbelsäule ist meine ADHS von nutzen. Aufgrund der vermehrten Adrenalinproduktion kann ich die Schmerzen relativ gut – ohne ständig zugedröhnt zu sein von medikamenten – aushalten. Das was mich aber wirklich stört ist das Schubladendenken, Unwissenheit und Arroganz der Normalos. Deren Neid, wenn die mir sagen, bin zu schnell in allem was ich tue, ich solle langamer machen, lass ich gelten als absolute Anerkennung meine Überlegenheit denen gegenüber. Na! Das klingt jetzt sicherlich arrogant! Nicht doch! Selbstbewusst! ;) Was mir am meistens an mir nicht gefällt ist diese bekloppte Legasthenie! Muss das denn wirklich sein? Reicht nicht dass ich der deutsche Sprache nicht als Muttersprache habe und mit der Grammatik kämpfen muss? Aber Legasthenie kann auch mal lustig sein wenn man sich verspricht oder verliest. Na, wie dem auch sei, ich möchte eigentlich doch ein wenig Mut machen! ADHS zu haben ist nicht zwingend eine Strafe!! Wir sind so gut wie wir sind! Denn wir wissen was wir können! Ich kann nur noch sagen, Menschen, die mir nicht gut tun, haben in mein Leben auch nichts verloren….
    Alles gute wünsche euch .
    MFG
    Eva

    1. Hallo Eva,
      vielen Dank für deine Worte.
      Nicht nur der Ursprungstext trifft auf mich zu, sondern alles was auch du beschrieben hast. Bin jetzt 40, ADHS Diagnose seit 3 Wochen und ein IQ von >130. Das Rätsel hat endlich eine Lösung, zumindest erklärt es vieles in meinem Leben.
      Dennoch ist mir nun klar … ich such meinesgleichen um endlich Austausch auf Augenhöhe zu bekommen, sich auszutauschen, nicht zu erklären, sich zuhören und nicht zu verurteilen… sich nicht verstecken zu müssen, keine Ausreden oder Entschuldigungen zu erfinden …
      Leider habe ich noch nicht den Mut so zu denken wie du. Viel ist im Elternhaus auch schief gegangen, daher arbeite ich erst jetzt daran.
      Es freut mich, dass du auf Freunde zurückgreifen kannst. Ich bin noch auf der Suche.
      Also, danke nochmal.
      LG
      Ina

  27. Ich finde mich und meine Kinder zu 100% wieder!
    Hätte ich immer auf andere gehört, wäre ich nie so mutig gewesen, mit 38 Jahren endlich das erträumte Studium zu beginnen. Und ich habe es geschafft, trotz großer Anstrengung und vielen Selbstzweifeln!
    Und ich sage meine Kindern, dass nur sie alleine entscheiden, was für sie gut ist und was nicht! Und wenn man einen Traum hat, dann muss man dafür kämpfen, sonst wird man sich sein Leben lang fragen: „Was wäre gewesen wenn…?“

  28. um nicht hemmungslos zu weinen versuche ich aufzuschreiben, was mich bewegt. Der Beitrag der unbekannten-aber im Prinzip so bekannten Frau trifft ins Schwarze. Diese Anstrengungen, dieser Stress um dann zu hören…….mit ein bisschen mehr Wille deinerseits, ein bisschen mehr Anstrengung!!!
    Ich bin 60 geworden und weiss es seit ungefähr 4 Jahren, dass ich ADS mit weniger H haben könnte, denn um eine komplette Diagnose zu bekommen fehlen verschiedene Tests z.B. die Einschätzung des/der Lebensgefährten/in, ich lebe seit über 25 Jahren allein. Oder wie ich als Kind war……Mutter schon 1/4 Jahrhundert tot, der Vater erinnert sich nur an siehe oben: ein bisschen mehr von dem oder das.
    Und jetzt heisst es , wenn ich versuche bei Therapeuten Hilfe zu bekommen, denn der lange Leidensweg hat seine Spuren hinterlassen, jetzt heisst es …ja dann sind sie mal wie sie sind so als ob ich nicht 60 Jahre lang das Gegenteil gehört und einstudiert hätte. Dabei spielt es schon eine grosse Rolle ob man überhaupt mit seinem „Leid“ gesehen wird. Nein , jetzt muss ich auch noch um die Anerkennung einer ungewissen Diagnose kämpfen um an die Hilfen zu kommen, die ich eventuel brauchen könnte. Mit ein bisschen mehr Anstrengung meinerseits…????

    1. Liebe Frau Doerschel,
      ja, das ist frustrierend, was Sie beschreiben. Eine Hilfe gibt es tatsächlich nur nach der ADHS-Diagnose: eine Medikation mit Methylphenidat. Andere Hilfen, wie z.B. eine Psychotherapie oder ein ADHS-Coaching, bekommen Sie auch ohne ADHS-Diagnose. Für eine Psychotherapie würde ggf. auch die Diagnose „Depression“ gestellt werden können – mit dem Wissen, dass man sich dann in der Therapie um ADhS-relevantes kümmert. Für das Coaching ist eine Diagnose generell nicht notwendig.
      Ich wünsche Ihnen alles Gute und wenn ich etwas für Sie tun kann, wissen Sie ja, wo Sie mich finden ;-)
      Herzliche Grüße
      Birgit Boekhoff

    2. Pfeif auf die Diagnose. Wenn du unbequem wirst zweifelt man die einfach mal an und gut. Was du brauchst ist einen Arzt der auch auf Dauer mit nem ADSler klar kommt und helfen will.

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