ADHS und Partnerschaft – was ADHS’ler sich von ihren Partnern wünschen

ADHS und Partnerschaft

Vor einigen Tagen war ich auf einer sehr interessanten Veranstaltung, von der ich die heutigen Gedanken zum Thema ADHS und Partnerschaft mitgebracht habe.

Die Schön Klinik in Bad Bramstedt hat einen ADHS-Schwerpunkt für Erwachsene und veranstaltet mehrmals im Jahr eine offene Austauschrunde ADHS-Trialog zu Themen rund um ADHS, zu der sich ADHS’ler, Angehörige und Facheute treffen. Das Thema des letzten Trialogs hieß „Leitfaden für Angehörige/Partner zum Umgang mit ADHS’lern“. Schwerpunkt des Abends war das Thema ADHS und Partnerschaft. Es war eine sehr interessante und große Runde mit ca. 60 Teilnehmern und regen Diskussionen.

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Der leitende Psychologe der Klinik, Roy Murphy, leitete und moderierte die Gesprächsrunde und eine seiner Fragen war: „Welche Erwartungen haben ADHS’ler an ihre Partner?“

Die gesammelten Erwartungen habe ich Ihnen hier mitgebracht.

Das wünschen sich ADHS’ler von ihren Partnern

  • Toleranz und Akzeptanz für die eigene (andere) Art
  • so sein dürfen, wie man gestrickt ist, ohne die Erwartung des Partners „normal“ zu werden
  • dass die eigenen Gefühle stehen gelassen werden, ohne sie zu bewerten und ohne zu verlangen, dass man anders fühlen sollte
  • Bereitschaft, sich über ADHS zu informieren
  • trotz der Schwächen wie Vergesslichkeit oder Unstrukturiertheit nicht wie ein Kind behandelt zu werden
  • mehr zugetraut zu bekommen („ich mache es zwar anders und vielleicht auf Umwegen, aber ich kann es und ich schaffe es“)
  • Unterstützung bei der Strukturierung – aber ohne Bevormundung
  • emotionale Spannungszustände aushalten (Angst, Wut, Verzweifung, Frust, etc.) und sie nicht sofort wegmachen wollen
  • liebevoll aber bestimmt ausgebremst zu werden
  • die ADHS-Schwächen, wie Vergesslichkeit, Schusseligkeit, etc. nicht persönlich nehmen und nicht als mangelndes Interesse oder mangelnde Liebe fehlinterpretieren

Ist das alles nicht selbstverständlich?

Es scheint in vielen Partnerschaften zwischen ADHS’lern und ihren PartnerInnen nicht selbstverständlich zu sein. Denn sonst wäre die Übereinstimmung nicht so groß gewesen, dass sich die anwesenden ADHS’ler mehr davon wünschen. Und aus meiner Erfahrung als ADHS-Coach kann ich diese genannten Aspekte als häufige Knackpunkte in Beziehungen bestätigen.

Aber warum müssen sich ADHS-Menschen von ihren Partnern eigentlich wünschen, mit ihren Gefühle und mit ihrer Art, an Dinge heranzugehen akzeptiert zu werden? Eigentlich ist das ja etwas, was jeder sich von seinem Partner wünscht und was in einer Beziehung selbstverständlich sein sollte.

Ist es aber häufig nicht. In vielen Beziehungen nicht. Und eben auch in vielen Beziehungen, wo ein Partner ADHS hat, nicht.

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Chaos

ADHS bringt Unruhe mit sich

ADHS bringt ganz typische Persönlichkeitseigenschaften, Stärken und Schwächen mit sich, wie z.B eine hohe Emotionalität und Empfindsamkeit, Unruhe, Vergesslichkeit. ADHS-Menschen sind schneller begeistert, mitfühlend, wütend, ängstlich als viele Menschen in ihrem Umfeld. Sie sind oft vergesslich, verbreiten Unordnung und Unruhe.

Das kann in einer Partnerschaft anstrengend sein. Ständig gibt es emotionale Wellen, Dramen, Krisen, Diskussionen, Missverständnisse, Streit. Eine Partnerschaft mit einem ADHS-Menschen ist eben meist nicht stetig, ruhig, harmonisch. Sie ist häufig bewegt, aufgewühlt und emotionsgeladen.

Das Verstehen in einer ADHS-Partnerschaft ist wichtig

Viele PartnerInnen, die kein ADHS haben, können das nicht nachvollziehen und wünschen sich mehr Stetigkeit. Sie lieben zwar oft die positive Emotionalität, den Einfallsreichtum, die Spontanität des ADHS-Partners, aber nicht die negativen Seiten. Die sollen gerne abflachen.

Häufig ist es der damit einhergehende Stress, der dazu führt, dass die Nicht-ADHS-Partner sich wünschen, dass der ADHS-Partner weniger Unruhe, Durcheinander und Hektik in den Alltag bringt. Häufig ist es aber auch pure Hilflosigkeit der Partner, weil sie z.B. selbst nicht so emotional sind und einfach gar nicht wissen, wie man mit hoher Emotionalität umgeht. Sie empfinden die starken Gefühle als Bedrohung und sind von ihnen verunsichert. Dabei sind es erstmal „nur Gefühle“, mehr nicht. Und Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit sind erstmal „nur Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit“ – bei ADHS tatsächlich sogar neurobiologisch bedingt! – und es ist eben nicht gleich ein Zeichen mangelnder Liebe oder Wertschätzung.

explodierende Bombe

​hohe Emotionalität kann bedrohlich wirken

ADHS und Partnerschaft

ADHS verstehen und ins Leben integrieren ist der Schlüssel

Hier müssen wir Angehörigen/Partner – und das gleiche gilt auch für alle Eltern, Großeltern, Lehrer, Betreuer, etc. – umdenken und umwerten. Es ist unfair, von einem ADHS’ler zu erwarten, er solle bitte aufhören, vergesslich und emotional zu sein. Genauso gut könnte man ihm sagen, er solle bitte aufhören, ein Mensch mit einer ADHS-Konstitution zu sein.

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