Wenn ADHS nicht alles erklärt und warum ich nach 20 Jahren ADHS-Arbeit eine neue Gemeinschaft gegründet habe

Manche Menschen verstehen ihr ADHS. Sie wissen, warum ihnen bestimmte Dinge schwerfallen. Sie lernen, ihren Alltag gehirngerechter zu gestalten. Und ihr Leben verändert sich.

Bei anderen geschieht das nicht. Auch sie verstehen ihr ADHS. Sie kennen Strategien. Sie arbeiten an sich. Und trotzdem bleiben sie erschöpft. Sie haben das Gefühl, sich immer wieder im Kreis zu drehen.

Lange habe ich mich als ADHS-Coach gefragt, warum das so ist - und ich habe die Umsetzungsprobleme meiner Klienten immer der Neurobiologie und dem ADHS zugeordnet. Heute glaube ich, das ist nur ein Teil der Wahrheit und die Antwort hat mit zwei Schlüsseln zu tun.

Es gibt manchmal zwei Schlüssel zu dem Schloss, das vor dem eigenen Leben hängt

Der eine Schlüssel ist die Neurodivergenz, also ADHS oder Autismus, Hochbegabung etc. Wer sich selbst nicht versteht, kann auch nicht gut mit sich leben.

Auch bei mir war die Erkenntnis, dass ich neurodivergent - nämlich hochbegabt und autistisch - bin, einer der wichtigsten Schlüssel meines Lebens.

Plötzlich hat vieles einen Sinn ergeben. Warum ich die Welt anders wahrnehme. Warum mich manches so viel Kraft kostet, was für andere so einfach ist. Warum ich mich oft anders gefühlt habe als andere Menschen. Warum ich trotz aller Anstrengung manches einfach nicht so konnte, wie ich es gern gewollt oder auch von mir erwartet habe. Warum ich oft in stakkato-artigen Sätzen schreibe 😂.

Die Erkenntnisse meiner beiden Neurodivergenzen waren jedesmal unglaublich einschneidend. Traurig machend und entlastend zugleich. Und beide Male haben sie eine Kaskade von an den Platz fallenden Puzzlestücken zur Folge gehabt.

Aber irgendwann habe ich gemerkt:

Die Neurodivergenz erklärt nicht alles und auch wenn ich sie verstanden habe und angenommen habe und gut in mein Leben integriert und mein Leben entsprechend angepasst habe - bleibt trotzdem noch etwas übrig, das irgendwie "noch nicht geklärt" ist.

Mein Stresslevel, meine Hypervigilanz, meine Anspannung in sozialen Begegnungen, mein dysreguliertes Nervensystem mit Schlafstörungen und chronischen Krankheiten - all das war immer noch da.

Und dann kam der zweite Schlüssel in mein Leben.

Der zweite Schlüssel, der noch fehlte

Der zweite Schlüssel kam dazu, als ich mich aufgrund der nach wie vor hohen Belastung in meinem Leben und gesundheitlichen Problemen weiter mit mir selbst und meinem Leben auseinander gesetzt habe. Ich habe eine weitere Psychotherapie gemacht und die Ausbildung zum traumasensiblen Coach bei Verena König absolviert.

Und von beiden Seiten kam dann gleichzeitig die Breitseite - bzw. Erkenntnis:

Da gibt es noch einen zweiten Schlüssel: frühe Traumatisierung. Ich bin traumatisiert. Ich habe frühe Traumatisierung erlebt (Nicht-Verstandenwerden, Ausgrenzung, Alleingelassenwerden, Abwertung, Ausbleiben emotionaler Nähe und Unterstützung und mehr) und lebe mit einer daraus entstandenen K-PTBS (darauf gehe ich an dieser Stelle nicht ein, mehr dazu gibt es auf meiner anderen Webseite https://endlichichselbst.com.)

Auf deutsch: Nicht alles, was mich geprägt hat und womit ich mich heute noch herumschlage, lässt sich durch meine Neurodivergenz erklären. Manches hat mit Erfahrungen zu tun. Mit Beziehungen. Mit Anpassung. Mit Schutz. Mit einem Nervensystem, das über viele Jahre gelernt hat, sehr wachsam zu sein, denn es kommt immer der nächste 💩.

Erst als diese beiden Schlüssel zusammenkamen, hatte ich das Gefühl, die immense Ansammlung und Penetranz von Problemen in meinem Leben wirklich zu verstehen.

Der zweite Schlüssel in zwei Bildern

Aus dieser Erkenntnis sind nach und nach Bilder entstanden, die diesen zweiten Schlüssel verdeutlichen. Die Bilder sind zuerst in meinem Kopf entstanden, dann habe ich sie gezeichnet. Es sind Bilder und Metaphern zugleich und sie werden zentraler Bestandteil meiner Arbeit in meinem zweiten Business Endlich Ich Selbst sein.

Das erste Bild für den zweiten Schlüssel sind Schutzschichten, die wir mit uns herumtragen. Du siehst sie hier. Wenn du auf das Bild klickst, kannst du es vergrößern.

Endlich Ich Selbst - Schutzschichten

Es sind Schichten aus Schutz, Anpassung, Masking, Funktionieren und allen möglichen Problemen, die daraus entstehen. Schichten, die sich schon in frühen Jahren um das eigene Ich legen und später immer weiter zementiert werden.

Nicht, weil mit einem Menschen etwas nicht stimmt und man ihn bedecken müsste. Sondern weil sie einmal notwendig waren. Sie haben geholfen, dazuzugehören, Konflikte zu vermeiden, nicht aufzufallen, zu funktionieren.

Die Schichten waren früher eine Lösung. Nicht das Problem.

Doch leider haben diese Schichten zur Folge, dass wir heute kaum wissen, wer wir eigentlich sind. Nicht, weil unser echtes Ich verschwunden ist. Sondern weil es unter all diesen Schichten verschüttet ist.

Und die Schichten haben zur Folge, dass wir ständig Verhaltensmuster an den Tag legen, die früher einmal überlebenswichtig waren, heute aber unser Leben maximal einengen und schädigen.

Und das zweite Bild ist die kleine Sirene auf dem Kopf der Person. In diesem Bild ist sie rot, sie schlägt Alarm.

Wenn die Person sich sicher fühlt, ist sie grün. Wenn das Nervensystem Gefahr wahrnimmt, leuchtet sie rot.

Diese kleine Sirene steht für unsere innere Alarmanlage.

Und mir ist im Laufe der letzten zwei Jahre in meinem eigenen Leben klar geworden, dass es einen zweiten Schlüssel gibt und dass er zum Großteil aus diesen beiden Komponenten besteht. 

Die Schichten erklären, warum wir uns selbst kaum kennen und in einem Leben stecken, das nicht zu uns passt.
Die Alarmanlage erklärt, warum wir die Schichten, auch wenn wir sie erkannt haben, nicht einfach wieder ablegen können.


Und beides zusammen erklärt, warum die Auseinandersetzung mit unserer Neurodivergenz alleine manchmal nicht ausreicht.

Seither sehe ich auch meine Klienten und meine ADHS-Arbeit anders

Als ich diese Zusammenhänge in meinem eigenen Leben erkannt habe, ist mir aufgefallen, dass ich das gleiche seit vielen Jahren in meiner Arbeit beobachtet habe.

Manche Menschen machen mit ihrem ADHS große Fortschritte. Sie verstehen ihr Gehirn. Sie verändern ihren Alltag. Sie entwickeln Strategien, die wirklich zu ihnen passen. Und nach und nach wird ihr Leben leichter.

Andere arbeiten mindestens genauso engagiert. Sie verstehen sehr viel. Sie kennen Strategien. Sie reflektieren sich. Und trotzdem bleiben sie erschöpft.

Nicht, weil sie zu wenig verstanden haben. Bestimmt auch nicht, weil sie sich zu wenig anstrengen. Sondern weil ihre Alarmanlage noch immer rot leuchtet.

Das dysregulierte Nervensystem reagiert nicht auf Erkenntnisse oder Bemühungen

Ich glaube , dass Verstehen wichtig ist und das ist auch ein großer Bestandteil in meiner ADHS-Arbeit hier. Aber manchmal reicht das Verstehen im Verstand und das eigene Bemühen um Veränderung nicht aus, denn da gibt es noch das Nervensystem - und das agiert autonom.

Der Verstand weiß: Ich darf Nein sagen, wenn mir etwas zu viel ist.
Die Alarmanlage sagt: Dann wirst du abgelehnt.

Der Verstand weiß: Ich sollte eine Pause machen.
Die Alarmanlage sagt: Das ist nicht sicher, du bist eh schon hinterher.

Der Verstand weiß: Ich muss mich nicht ständig anpassen.
Die Alarmanlage antwortet: Bist du dir da sicher?

Vielleicht brauchen manche Menschen deshalb nicht nur einen Ort, an dem es um ihre Neurodivergenz geht, sondern auch noch etwas anderes. Einen Ort, an dem die Alarmanlage wieder grün werden kann.

Der Ort, an dem die innere Alarmanlage wieder grün werden kann

Viele Verletzungen entstehen in Beziehungen und genau deshalb brauchen wir oft auch neue Beziehungserfahrungen. Nicht, damit wir jemand anders werden. Sondern damit unsere Alarmanlage langsam erleben darf: Hier bin ich sicher. Hier muss ich mich nicht ständig schützen. Hier darf ich einfach da sein. 

Der Schmetterling-Club ist so ein Ort - und eigentlich alle meine ADHS-Programme hier.

Aber für manche braucht es vielleicht noch einen anderen Ort - eine Ort, der über einen ADHS-Safe-Space hinaus geht. Einen Ort, an dem es um das Gesamtpuzzle geht, von dem die Neurodivergenz nur ein Teil ist.

Genau aus diesem Gedanken ist mein zweites Business-Standbein Endlich Ich Selbst entstanden mit der dortigen Community. Nicht als weiteres ADHS-Angebot. Und auch nicht als Therapie.

Sondern als ein Ort für Menschen, die nie sie selbst sein durften, es jetzt aber endlich werden wollen. Ein Ort für Menschen, die spüren, dass Neurodivergenz ein wichtiger Schlüssel für ihr Leben ist. Aber vielleicht nicht der einzige.

Ein Ort, an dem wir uns mit den Schichten beschäftigen, mit der Alarmanlage, mit Anpassung, mit Masking, mit Schutz, mit dem Nervensystem, mit Bedürfnissen und Grenzen.

Und mit der Frage, wer wir unter den ganzen Schichten eigentlich wirklich sind, welche Probleme mit der Neurodivergenz zu tun haben und welche mit frühen Verletzungen.

Wir machen uns auf die Suche nach dem Menschen, der wir unter den Schutzschichten eigentlich sind, dem Menschen, der wir immer schon waren, aber nie sein durften. Wir legen diesen Menschen frei. Und wir kümmern uns darum, dass die Alarmanlage wieder grün wird.

Die Community von Endlich Ich Selbst

Die Community von Endlich Ich Selbst ist keine Gemeinschaft, in der Menschen besonders offen oder besonders aktiv sein müssen. Dort geht es nicht um Selbstoptimierung oder darum, Ziele zu erreichen.

Es ist ein Ort, an dem Menschen aufhören können, sich schützen zu müssen. Und ein Ort an dem sie aufhören dürfen, jemand anderes sein zu müssen.

Bei Endlich Ich Selbst geht es darum, Schritt für Schritt aus den Schutzschichten herauszukommen, die Alarmanlage upzudaten und der Mensch zu werden, der man im Kern seines Wesens immer schon war. Endlich Ich Selbst.

👉 Am 15. September 2026 öffnet die Buchung.

👉 Am 16. September 2026 findet ein kostenfreies Info-Webinar statt, in dem ich die Gemeinschaft und die Gedanken dahinter genauer vorstelle.

👉 Der gemeinsame Start mit unserem ersten Kickoff-Treffen ist am 30. September 2026.

In den kommenden Wochen werde ich noch mehr darüber erzählen, wie die Gemeinschaft aufgebaut ist, was dich dort erwartet und für wen sie gedacht ist.

Vielleicht ist Endlich Ich Selbst der Ort, nach dem du schon lange gesucht hast, ohne ihn bisher benennen zu können. Ich selbst habe nun auch mehrere Monate gebraucht, um aus mir herauszuschälen, was ich da eigentlich machen will, was das für ein Ort sein soll, den ich schaffen will, und wie ich das alles beschreiben kann.

(Und wie du vielleicht bemerkt hast, ist dies der erste Blogbeitrag hier, in dem ich vom Sie zum Du gewechselt bin. Das ist Teil meiner Reise als Unternehmerin, ist Absicht und wird so bleiben.)

Wenn du jetzt schon mehr über Endlich Ich Selbst und die Community erfahren willst, dann lies hier weiter. Ansonsten halte ich dich in den kommenden Wochen über meinen Newsletter auf dem Laufenden.

Ich freue mich, wenn wir uns dort vielleicht sehen. Und wenn du jetzt schon Fragen zu Endlich Ich Selbst oder meiner neuen Community hast, dann schreib mir eine Email.

Herzliche Grüße
Birgit

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