Was ADHS für den Beruf bedeutet und wie man mit ADHS Erfolg im Beruf haben kann

ADHS und Job – das war der Titel meines Vortrages, den ich vor ca. zwei Wochen im Rahmen einer Vortragsreihe der ADHS-Selbsthilfegruppe Helmstedt gehalten habe. Es ging um die besonderen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Möglichkeiten von Menschen mit ADHS im Beruf.

Während des Vortrags konnten die Teilnehmer Fragen stellen und eine der häufigsten Fragen, die ich auch im Rahmen meines Coachings sehr oft gestellt bekomme, möchte ich hier noch einmal aufgreifen und beantworten:

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>>> Was ist ein geeigneter Job für Menschen mit ADHS? <<<

Fangen wir so an:

ADHS-Menschen können sehr wohl beruflich erfolgreich und zufrieden sein!

Wenn Sie einen Job bzw. eine berufliche Tätigkeit haben, die zu Ihnen passt. Wenn Sie etwas machen, das Ihren Interessen und Begabungen entspricht. Wenn Sie unter geeigneten Arbeitsbedingungen arbeiten. Wenn das Team passt. Dann können Sie gut, sehr gut oder exzellent in ihrem Job sein.

Aber wenn es nicht passt... dann kann es massive Probleme im Beruf geben. Mit der Arbeit, mit Kollegen, mit dem Chef.

Was ADHS für den Beruf bedeutet

Warum stellt sich diese Frage eigentlich, welcher Beruf für Menschen mit ADHS geeignet ist? Warum machen sich ADHS-Menschen darüber so viele Gedanken?
Warum sollte es für Menschen mit ADHS bestimmte Berufe geben, die passen und andere, die nicht passen?

ADHS bringt - neben bestimmten Stärken und Fähigkeiten - verschiedene Schwierigkeiten und Herausforderungen mit sich, die sich häufig auf den Beruf und die Arbeit auswirken:

  • Konzentrationsprobleme
  • Flüchtigkeitsfehler
  • Schwierigkeiten mit der Arbeitsorganisation
  • Probleme, Prioritäten zu setzen und das Wichtige heraus zu erkennen
  • Impulsives und vorschnelles Handeln, das dazu führt, dass man auf jede Ablenkung sofort reagiert und ständig die Arbeit unterbrochen wird
  • Geräuschempfindlichkeit und erhöhte Ablenkbarkeit
ADHS-Symptome und Herausforderungen

​​Typische Herausforderungen bei ADHS

  • Schwierigkeiten, sich Inhalte, Daten, Abläufe zu merken
  • Unordnung und Unübersichtlichkeit am Arbeitsplatz
  • Impulsive und unüberlegte Äußerungen Kollegen oder Vorgesetzten gegenüber
  • Verzetteln, Hin- und Herspringen, zu vieles gleichzeitig machen und den Faden verlieren
  • Aufgrund unstrukturierter Arbeitsweise Zeitverluste
  • Verpassen von Aufgaben- und Projektfristen
  • Aufschieben, Prokrastination
  • Stimmungsschwankungen, die viel Energie kosten und die Konzentration beeinträchtigen
  • eingeschränkte Frustrationstoleranz, Geduld und Konfliktfähigkeit
  • Missverständnisse in der Kommunikation
  • Probleme, wiederkehrende Routineaufgaben zu bearbeiten
  • Hoher Drang zu Autonomie und Selbstbestimmtheit
  • z.T. hohes Bedürfnis nach Abwechslung
  • Und noch mehr

Einen weiterführenden Überblick über die Stärken und Schwächen bei ADHS finden Sie hier.

Der Fisch wird nicht auf Bäume klettern

Aus diesen Gründen machen sich viele Menschen mit ADHS Gedanken darüber, welcher Beruf überhaupt zu ihnen passt. In welchem Job sie sich wohl am besten konzentrieren, organisieren und erfolgreich sein können.

Und bei Erwachsenen mit ADHS, die schon länger im Berufsleben stehen, kommt häufig noch die Frage hinzu: welchen Beruf kann ich denn mal länger durchhalten, ohne gleich wieder zu wechseln oder den Job aufgrund der o.g. Probleme zu verlieren.

Die Frage nach Jobs für Menschen mit ADHS und ADS, ob es typische Berufe für diese Menschen gibt, welche Berufe geeignet sind für Menschen mit ADHS wird daher häufig gestellt. Damit verbunden ist natürlich auch die Frage, ob es Berufe gibt, die man mit ADHS besser nicht ergreifen sollte.

Diese Frage ist allerdings nicht ganz pauschal einfach zu beantworten, denn auch Menschen mit ADHS sind bei aller Ähnlichkeit, doch auch in Ihren Interessen und Begabungen sehr verschieden.

Der Fisch und der Baum

​Wer am falschen Platz ist, kann nicht erfolgreich sein

Und gerade die eigenen Interessen und Begabungen spielen bei der Frage nach dem Erfolg im Beruf eine wichtige Rolle.

Vielleicht noch mehr als bei Menschen ohne ADHS, denn ADHS zu haben bedeutet oft, in seiner Arbeits- und Leistungsfähigkeit viel stärker von der eigenen Motivation abhängig zu sein, als das bei anderen Menschen der Fall ist. Das hat etwas mit dem Botenstoff Dopamin und unserem Frontalhirn zu tun. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

An dieser Stelle sei nur so viel auf jeden Fall gesagt:

Ein Fisch ist am besten aufgehoben im Wasser. Wenn ein Fisch an Land auf Bäume klettern soll, dann wird das nie erfolgreich funktionieren. Auch mit dem besten Training und Coaching und Medikation nicht. Und daher ist eine gute Passung zwischen einem ADHS-Mensch und seinem Lebensumfeld - wozu der Job auch gehört- sehr wichtig. Mehr dazu lesen Sie auch hier.

Als aller erstes ist es also wichtig, herauszufinden, wer man eigentlich ist, wo die eigenen Interessen, Stärken und Begabungen liegen.

Nur leider hapert es da auch gleich schon.

Welcher Mensch mit ADHS weiß denn schon, was er kann und was ihm liegt?

Alleine das kann schon eine riesige Herausforderung sein, das herauszufinden. Wie man dem auf die Schliche kommen kann, dazu auch an anderer Stelle mehr, das würde hier den Rahmen sprengen. Aber einige typische Stärken und positive Eigenschaften von ADHS-Menschen finden Sie hier.

Das Positive an ADHS

​Typische Stärken bei ADHS

​Berufsfelder, in denen viele Menschen mit einer ADHS-Konstitution zu finden sind:

​Erfahrungsgemäß findet ​man in folgenden Berufsfeldern und Branchen viele Menschen mit einer ADHS-Konstitution:

  • Kunst und Musik
  • Schauspiel
  • Journalismus
  • ​Grafik- und Mediendesign
  • Eventmanagement
  • soziale und helfende Berufe
  • Lehramt
  • IT
  • Ehrenämter (Sport, Schule, Flüchtlingshilfe, etc.)
  • und andere

Diese Berufsfelder erfordern oft ganz bestimmte Stärken und Fähigkeiten, in denen ADHS-Menschen gut sind:

+ Kreativität
+ Spontanität
+ Hilfbereitschaft
+ Tatendrang und Energie

Diese 3 Komponenten sind bei ADHS besonders wichtig für den Erfolg im Job

Damit sind wir aber auch schon bei der ersten der 3 wichtigen Komponenten, wenn es um die Frage nach einem geeigneten Beruf oder einer geeigneten Arbeitsstelle für Menschen mit ADHS geht:

Berufliche Tätigkeit

Wie eben schon geschrieben, ist für den Erfolg im Beruf natürlich wichtig, dass man etwas macht, was man gerne macht (was man „liebt“) und was einem liegt. Also als Fisch im Wasser zu schwimmen und nicht im Wald auf Bäume zu klettern.

Eigentlich ist das klar.

ABER: das Problem bei Menschen mit ADHS und der Berufswahl, Ausbildung und Studium ist, dass sie oft in Berufe hinein geraten, die gar nicht zu ihnen passen.

Das hat verschiedene Gründe:

  • Sie wissen gar nicht, wo ihre Interessen und Begabungen eigentlich liegen.

Sie wurden gar nicht darin gefördert, zu entdecken, was sie interessiert und was sie können. Vielmehr geht es in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter darum, zu lernen, zu „funktionieren“. Es geht im Alltag von ADHS-Familien häufig sehr viel darum, überhaupt einigermaßen unbeschadet durch den Alltag und die Schulzeit zu kommen.

Es gibt so viele „Baustellen“, um die man sich kümmern muss, da bleibt oft keine Zeit und Energie für das Finden und Fördern von Interessen und Stärken des Kindes. (Das meine ich auch nicht vorwurfsvoll, sondern eher traurig bedauernd, weil ich aus meiner Coaching-Arbeit ja weiß, wie es ist im Familienalltag)

  • Sie lernen einen Beruf, weil die Eltern diesen vorgeschlagen und empfohlen haben.

Das ist natürlich legitim, dem heranwachsenden jungen Menschen Vorschläge zur Berufswahl zu machen. Allerdings erlebe ich es doch leider häufig, dass Eltern hierbei sehr auf „sichere und aussichtsreiche“ Berufe wert legen (Auch wiederum aus Elternsicht verständlich).

Allerdings liegen die Begabungen und Stärken von ADHS-Menschen sehr oft in kreativen, sozialen oder auch action-geladenen Bereichen.

Es gibt tatsächlich einige Branchen, in denen sich vermehrt Menschen mit ADHS-Konstitution finden:
Journalismus, Schauspielerei, Musik, Kunst, soziale und therapeutische Berufe, Leistungssport, Rettungsdienst, Polizei, Feuerwehr, und noch andere.

Aber mal ehrlich: sind das die Berufe, die Eltern für ihre Kinder oder jungen Erwachsenen oft im Sinn haben? Ich denke eher nicht.

  • Sie lernen einen Beruf, weil der Vater/die Mutter diesen Beruf auch hatte, oder der Bruder oder Freunde.

Auch das ist oft zu beobachten. Hierbei spielt dann häufig die schlechte Selbstwahrnehmung und das mangelnde Selbstwertgefühl bei ADHS eine Rolle.

Wenn man dazu neigt, sich sehr an anderen Personen, die einem wichtig sind, zu orientieren, dann kann es passieren, dass man diesen nacheifert, obwohl es gar nicht zu einem selbst passen würde.
Um hier den eigenen Weg zu finden, bräuchte man ein gutes Gespür für sich selbst und auch Selbstbewusstsein, seinen eigenen Weg zu gehen. Leider sind viele ADHS-Menschen nicht gerade damit gesegnet.

  • Sie nehmen einfach, was sie überhaupt kriegen können, weil sie auch an vielen Stellen nicht genommen werden.

Viele Studiengänge bekommt man nur mit einem bestimmten Notendurchschnitt oder NC. Für viele Ausbildungsstellen braucht man saubere Bewerbungsunterlagen. das sind Voraussetzungen, die Menschen mit ADHS oft nicht erfüllen können.

Nicht, weil sie nicht intelligent oder ehrgeizig wären, sondern einfach, weil Lernen für die Schule und Bewerbungsunterlagen zusammenstellen etwas ist, womit ADHS’ler oft auf Kriegsfuß stehen. Entsprechend schlecht sind häufig die Bildungsabschlüsse und Bewerbungen.

So wird es schwierig, sich vielleicht für einen Ausbildungsgang zu bewerben, in dem man vielleicht richtig gut sein könnte, weil er (nach der ganzen Schulzeit) endlich einmal den eigenen Interessen entsprechen würde.

Arbeitsbedingungen

Zu den Arbeitsbedingungen, die man bei der Berufswahl bei ADHS beachten sollte, zählen z.B. folgende:

  • Arbeitszeit: Gleitzeit, Schichtdienst, … (eine möglichst regelmäßige Arbeitszeit ist besser strukturgebend)
  • Maß an Bewegungsfreiheit: sitzende Schreibtischtätigkeit, steht ein Steharbeitsplatz zur Verfügung, gibt es Reisetätigkeit, ist es körperliche Arbeit, …
  • Gestaltung des Arbeitsplatzes: ist der 
Chaotischer Arbeitsplatz

​Wieviel Struktur gibt es am Arbeitsplatz?

Arbeitsplatz vorstrukturiert, muss er selbst strukturiert werden, ist es ein Einzelarbeitsplatz oder ein Teamarbeitsplatz, ist alles vorhanden und griffbereit, was gebraucht wird, ist das Wegräumen von Arbeitsmaterialen schnell und einfach möglich, …

  • Maß an Ablenkung: welche Geräusche sind zu hören, klingelt das Telefon, poppen Emails auf, sind Kollegen in der Nähe, kann man die Tür schließen, …
  • Bezahlung: fühlt man sich für den eigenen Einsatz entsprechend entlohnt (sehr wichtig für den Erhalt der Motivation und damit essentiell für die Leistungsfähigkeit)
  • Sinnhaftigkeit: stimmt die Arbeit mit den eigenen Werten und dem, was einem selbst wichtig ist, überein (z.B. Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Wertschätzung, etc., ebenfalls sehr wichtig für Motivation und damit Leistungsfähigkeit)
  • Entscheidungsfreiheit: was darf selbst entschieden werden, wie viel Prozent der Tätigkeit muss nach Anweisung ausgeführt werden, …

Betriebsklima

Die dritte Komponente, die für den Erfolg im Beruf wichtig ist, ist das Betriebsklima.

erfolgreich sein

​Ein gutes Team ist für ADHS-Menschen essentiell

ADHS-Menschen sind meist sehr emotionale und beziehungsorientierte Menschen. Sie können häufig nur arbeiten, wenn sie sich im Team und mit dem Chef wohl fühlen. Sie können nicht (gut) arbeiten, wenn sie sich im Betriebsklima nicht wohlfühlen.

Wenn es Spannungen gibt, Auseinandersetzungen, Kritik, vielleicht sogar Mobbing, dann wird fast automatisch die Leistungsfähigkeit nachlassen. In einem Team, in dem Wertschätzung, Ehrlichkeit und 

Annahme fehlen, kann ein Mensch mit ADHS nicht gut arbeiten. Und auch nicht lange arbeiten. Und manchmal wird er dort sogar krank.

Der ADHS-Konstitution ist es geschuldet, dass Konzentration, Organisation, Qualität der Arbeit sehr von Motivation und Befinden abhängig sind. Und wenn Motivation und Befinden beeinträchtigt, gestört oder gar untergraben werden, dann ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis der Mitarbeiter mit ADHS geht, vermehrt Fehler macht oder krank wird.

Weil diese dritte Komponente so wichtig ist, kann es sein, dass ein ADHS’ler, der Journalist ist, in der einen Redaktion super gut zurecht kommt und sehr gute Arbeit leistet und in einer anderen Redaktion auf keinen grünen Zweig kommt.

Andersherum ist auch zu beobachten, dass ADHS-Menschen auch in Berufen gut zurecht kommen können, die man eigentlich nie mit ADHS in Verbindung bringen würde, z.B. Steuerberater. Wenn diese Tätigkeit aber zu den eigenen Interessen passt, die Arbeitsbedingungen und das Betriebsklima stimmen, dann kann auch eine Steuerberaterstelle gut funktionieren.

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Was können Sie jetzt tun?

Schauen Sie sich 3 Komponenten an und stellen Sie sich folgende Fragen:

  1. Tätigkeit:
    Mache ich prinzipell etwas, was mir liegt und was ich im Kern gerne mache?
    > Falls nein, was kann ich konkret tun, um das zu ändern?

  2. Arbeitsbedingungen
    Fühle ich mich mit den Arbeitsbedingungen wohl?
    > Falls nein, was kann ich konkret tun, um hier etwas zu ändern?
Geeigneter Arbeitsplatz bei ADHS

​Drei Komponenten eines geeigneten Arbeitsplatzes

3. Betriebsklima:
Fühle ich mich prinzipiell im Team wohl?
>Falls nein, was kann ich dazu beitragen, dass ich mich wohler fühle?

Damit ist der Weg zum beruflichen Erfolg noch nicht zu Ende, aber zumindest die Basis geschaffen dafür, dass Sie prinzipiell an einem Platz sind, an dem Sie überhaupt die Chance haben, beruflich erfolgreich zu sein.

Welche konkreten Strategien Sie dann dort am Arbeitsplatz anwenden könne, um sich besser zu strukturieren, zu konzentrieren und sich selbst effektiver durch den Arbeitstag zu steuern, das schreibe ich Ihnen in einem der nächsten Beiträge.

Was hilft Ihnen, im Beruf erfolgreich zu sein? Schreiben Sie mir gern einen Kommentar.

Herzliche Grüße
Birgit Boekhoff

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